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Breaking Bad – 11 Filme und Serien, die jede Ethikkommission verzweifeln lassen.

Pest oder Cholera? – Nicht selten sieht sich der Held mit widerstreitenden Kräften seines Lebens von Angesicht zu Angesicht konfrontiert und muss sich entscheiden: zwischen zwei unvereinbaren Gütern oder dem geringeren von zwei Übeln oder beides zugleich – ein echtes moralisches Dilemma eben. Was ist gut? Was ist böse? Die folgenden 11 Filme und Serien werden auch Sie in handfeste moralisch-ethische Krisen stürzen.

Ausgewählt von Gian-Philip Andreas.

SOPHIES ENTSCHEIDUNG
(Sophie's Choice; Großbritannien/USA 1982; Regie: Alan J. Pakula)
Im nachtschwarzen Zentrum dieses größten Tränendrüsendrückerfilms der Achtzigerjahre steht die Mutter aller moralischen Zwickmühlen: als Elternteil die Auswahl treffen zu müssen, welches von zwei eigenen Kindern in den Tod geschickt werden muss, damit es nicht gleich beide trifft. Meryl Streep spielt (oscarprämiert) die Titelfigur, die in Auschwitz vor diese Wahl gestellt wird. 2017 nutzte der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos eine ähnlich grauenvolle Zwangslage für sein in Cannes prämiertes Erpressungsdrama „The Killing of a Sacred Deer“: Der Arzt, der darin seine Frau oder eines seiner Kinder töten muss, delegiert die schreckliche Wahl schließlich an den Zufall.

Passend zum Beitrag legen wir Ihnen diese Konzerte ans Herz:

Breaking Bad – 11 Filme und Serien, die jede Ethikkommission verzweifeln lassen.

DIE FIRMA
(The Firm; USA 1993; Regie: Sydney Pollack)
Im Hollywood-Kino dreht sich vieles um ethisch heikle Loyalitätskonflikte. In dieser John-Grisham-Verfilmung etwa spielt Tom Cruise einen smarten Junganwalt, der das großzügige Jobangebot einer angesagten Anwaltskanzlei annimmt. Als sich herausstellt, dass diese mit der Mafia kooperiert und sich das FBI bei ihm meldet, muss er entscheiden, auf welche Seite er sich schlägt. Variiert wird dieses Spiel um die Gunst des Satans ganz buchstäblich in Taylor Hackfords „Im Auftrag des Teufels“ (1997), in dem Keanu Reeves einen ethisch unbekümmerten Juristen spielt und Al Pacino den Chef einer höllischen Kanzlei. Und in „Departed“ von Martin Scorsese (2006) geht es um die gegenläufigen Loyalitätsverschiebungen eines Undercover-Cops (Leonardo DiCaprio) und eines in den Polizeidienst eingeschleusten Mafiaspitzels (Matt Damon). All diese Filme variieren die Frage, unter welchen Umständen es legitim sein könnte, die eigene Seele zu verkaufen.

DIE FÄLSCHER
(Österreich/Deutschland 2007; Regie: Stefan Ruzowitzky)
In diesem Drama, das Österreich 2008 den Oscar als „bester fremdsprachiger Film“ einbrachte, geht es um die „Aktion Bernhard“, die größte Geldfälscheraktion der Geschichte, die ab 1942 im KZ Sachsenhausen durchgeführt wurde – von dazu gezwungenen jüdischen Häftlingen. Es gelingt ihnen, täuschend echte Pfundnoten herzustellen. Schließlich aber stellt sich der Kommunist Adolf Burger (gespielt von August Diehl) quer: Er ist dagegen, die Nazis mit Falschgeld zu versorgen, da dies den Weltkrieg nur verlängern würde. Er bleibt bei dieser Einstellung auch, als die ersten Kollegen aus Rache hingerichtet werden. Neben Burgers moralischer Rigorosität, die das große Ganze höher wertet als das Leben einiger weniger, thematisiert der Film auch die Scham der Fälscher, die im Lager privilegierter leben dürfen als ihre Mithäftlinge.

GONE BABY GONE
(USA 2007; Regie: Ben Affleck)
Wenn Kinder im Spiel sind, ist die moralische Fallhöhe am höchsten – siehe „Sophies Entscheidung“. Dieser pechschwarze Krimi, zugleich Regiedebüt des Schauspielers Ben Affleck, macht sich diesen Umstand mit bitteren Wendungen und konsequentem Pessimismus zunutze. Vordergründig erzählt er von einem Detektivpärchen, das die Polizei in Kindesentführungsfällen unterstützt und mutmaßlich Kidnappern und Päderasten auf der Spur ist, ehe sich das Blatt wendet und sie erfahren, dass die Polizei selbst Kinder aus Unterschichtsfamilien entführt, um sie in vermeintlich besseren Verhältnissen aufwachsen zu lassen. Unter welchen Umständen gibt es Argumente, die für eine derartige soziale Entmündigung sprechen könnten? Im ethischen Kampf der utilitaristischen Gründe gegen moralische Prinzipien und absolute Gebote gibt es in diesem Film Noir am Ende keine Sieger.

BREAKING BAD
(USA 2008-2013; fünf Staffeln; von Vince Gilligan)
Als beim biederen Chemielehrer Walter White inoperabler Lungenkrebs diagnostiziert wird, greift er zu ungewöhnlichen Maßnahmen: Zusammen mit einem Ex-Schüler kocht und verkauft er das beste Crystal Meth von Albuquerque. Mit dem Geld, das er dabei verdient, möchte er seine Frau und den an zerebraler Kinderlähmung leidenden Sohn im Falle seines Todes gut versorgt wissen. Bald aber gibt es für White kein Zurück mehr – im Gegenteil, er inszeniert sich als Drogenkönig und findet Gefallen an seiner Macht. Die Kultserie stellt die moralische Frage nach dem Besonderen und dem Allgemeinen: Ist das Wohlergehen der eigenen Familie wichtiger als das der anderen Menschen? Um Letzteres jedenfalls ist es in „Breaking Bad“ nicht gut bestellt: die Anzahl an sterbenden Junkies und gemeuchelten Drogengangstern steigt von Staffel zu Staffel.

BLACK MIRROR
(Großbritannien seit 2011; bislang vier Staffeln; von Charlie Brooker)
Fast alle Episoden dieser britischen Anthologieserie kreisen um kleinere bis größere ethische Probleme, die durch (mögliche) neue technische Errungenschaften auftreten dürften: Was passiert, wenn ich jede Alltagsbegegnung mit anderen Menschen per Smartphone auf- oder abwerten kann? Was macht es mit Liebesbeziehungen, wenn man Erinnerungen wie ein Video zurückspielen kann? Den abgründigen Ton dieser dystopischen Visionen für die allzu nahe Zukunft setzte schon die allererste Folge mit dem Titel „National Anthem“: Da kann der britische Premierminister das Leben der von einem Erpresser entführten Königstochter nur retten, wenn er live im Fernsehen sexuell mit einem Schwein verkehrt. Darf er in dieser Situation noch an seine persönliche Würde denken?

LIKE FATHER, LIKE SON
(Soshite chichi ni Naru; Japan 2013; Regie: Hirokazu Koreeda)
Der erfolgreiche Geschäftsmann Ryota lebt mit seiner Frau und dem sechsjährigen Sohn Keita in der kühl-modernen Atmosphäre seiner mondänen Wohnung in Tokio. Alles scheint perfekt, bis plötzlich das Krankenhaus anruft und den Alptraum aller Eltern zur Wirklichkeit macht: Ryotas Kind wurde einst nach der Geburt vertauscht. Sein tatsächlicher Sohn lebt unter dem Namen Ryusei bei einer sozial deutlich niedriger gestellten, aber warmherzigen Familie in der Provinz. Was tun? Ryota setzt tatsächlich einen Austausch der Kinder durch – doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte. Rund um die moralische Entscheidung dieser „Umtopfung“ von Kindern in ein völlig anderes Soziotop werden in diesem rührenden modernen Klassiker auch Fragen nach der charakterlichen Prägung durch Eltern und Erziehung gestellt.

MR. ROBOT
(USA seit 2015; bislang drei Staffeln; von Sam Esmail)
Die vielgepriesene Thrillerserie erzählt von Elliott, einem mental unstabilen Programmierer, der mit einer klandestinen Hackertruppe daran arbeitet, einen korrupten, global tätigen IT-Konzern zu zerstören. Immer wieder steht er dabei vor moralischen Entscheidungsfragen, sowohl im Kleinen wie auch im Großen: Wie stark darf Elliott online und anonym ins Leben seiner Therapeutin eingreifen, auch wenn er dabei das Ziel hegt, ihr zu helfen? Wann delegitimieren die Kollateralschäden seiner Aktionen gegen den Konzern ihren ursprünglichen Zweck? Erst, als ein Wirtschaftskollaps weite Bevölkerungskreise ins Elend stürzt und später Bombenanschläge zahllose Todesopfer fordern?

TERROR – IHR URTEIL
(Deutschland 2016; Regie: Lars Kraume)
Häufig stellen deutsche Fernsehfilme moralische Problemstellungen in den Mittelpunkt – ein prominentes Beispiel war Stephan Wagners auf einem realen Mordfall beruhendes Kriminaldrama „Der Fall Jakob von Metzler“ (2012), in dem die Frage erörtert wurde, ob die Folter eines Tatverdächtigen legitim sein könnte, wenn es darum geht, das Leben eines Kindes zu retten. In „Terror“ (nach einem Theaterstück von Ferdinand von Schirach) geht es um die Abwägung zwischen zwei zahlenmäßig unterschiedlich großen Opfergruppen: Ein Soldat steht vor Gericht, weil er ein Passagierflugzeug abschießen ließ, das von Terroristen gekidnappt wurde und auf ein vollbesetztes Fußballstadion zuraste. Wie bei den Aufführungen dieses Stücks durften die Zuschauer kurz vor Ende der Ausstrahlung in der ARD selbst über diesen Fall humaner Arithmetik urteilen. Die Mehrheit entschied auf Freispruch.

KINDESWOHL
(The Children Act; Großbritannien 2017; Regie: Richard Eyre)
Wie ein Kurs in angewandter Ethik präsentiert sich dieses Gewissensdrama nach einem Roman von Ian McEwan. Familienrichterin Fiona (Emma Thompson) muss von Berufs wegen routinemäßig in heiklen Zwickmühlen Entscheidungen treffen. Anfangs lässt sie siamesische Zwillinge trennen und rettet damit eines der Babys, die ohne Trennung beide gestorben wären – ihr oblag die Entscheidung, welches der Kinder sterben musste, welches leben durfte. Ist Gutes also manchmal nicht ohne das „Böse“ möglich? Weiterhin muss Fiona entscheiden, ob ein an Leukämie erkrankter, 17-jähriger Zeuge Jehovas eine lebensnotwendige Bluttransfusion erhält, obwohl der Patient selbst und seine Eltern diese aus religiösen Gründen ablehnen. Es wäre eine moralische Entscheidung, die sich über den anderen hinwegsetzt: Darf man jemanden dazu zwingen, sein Leben nicht selbst zu gefährden?

STYX
(Deutschland/Österreich 2018; Regie: Wolfgang Fischer)
Mit seiner Bezugnahme auf die Debatte um die Seenotrettung von Geflüchteten auf dem Mittelmeer ist dieses Hochseedrama ein Film zur Stunde. Im Urlaub segelt die wohlhabende Ärztin Rieke (Susanne Wolff) allein auf ihrer kleinen Yacht von Gibraltar aus auf den Atlantik hinaus, als sie nach einem heftigen Sturm einen havarierten Trawler voller Afrikaner entdeckt. Vorbeifahrende Transportschiffe verweigern die Hilfe, da ihre Reedereien jede Beteiligung verbieten. Als die ersten der Geflüchteten ins Wasser springen oder fallen, steht Rieke vor der Frage: Soll sie selbst eingreifen, obwohl es ihr die Küstenwache per Funk strikt untersagt? Fischers bei der Berlinale ausgezeichneter Film spielt das Dilemma an einem Einzelfall konsequent durch und verschweigt nicht, dass Rieke für ihr Engagement am Ende einen rechtlichen Preis bezahlen wird.

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