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„Dabei ist hier und da ödipale Wut erkennbar.“

Bernd Oberhoff ist Psychoanalytiker und Musiker – oder besser: Musikpsychoanalytiker. Wir sprachen mit ihm über Mozart, orale und anale Triebkräfte und die Frage, was wirklich geniale Musik auszeichnet.

Leopoldo Siano

Warum ist Mozart für einen Musikpsychoanalytiker ein ‚interessanter Fall‘?

Das subjektive Erleben gilt in den empirischen Wissenschaften als unzuverlässig. Wenn man es aber trainiert und durch langjährige Introspektion und Selbsterfahrung von den gröbsten Fehlerquellen befreit, kann es ein sehr wichtiges Erkenntnisinstrument sein, um psychische Inhalte ans Tageslicht zu fördern. In der Therapie spricht man von Gegenübertragungsgefühlen des Therapeuten, die dieser dazu benutzt, die unbewussten Themen seines Patienten zu erspüren. Wenn man also dieses sensible Instrument beim Hören von Mozarts Musik in Anwendung bringt, so beginnt man, in seiner Musik jene tiefer liegenden, unbewussten Inhalte zu entdecken.

Sie haben ein knapp 700-seitiges Buch über Mozart geschrieben. Wollten Sie damit eher die Person Mozart oder seine Musik erkunden?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Denn oft entsteht der Eindruck, dass Psychoanalytiker irgendeine Pathologie herausarbeiten wollen, dass sie die Person diagnostizieren wollen, um irgendein Etikett auf sie zu kleben. Aber das ist überhaupt nicht mein Sinnen und Trachten. Mich interessiert ausschließlich die Musik. Aber solange man die Person außen vor lässt, glaube ich, gibt es Sinnebenen, die man auch nicht verstehen kann. Mein Ziel ist also nicht, die Person Mozart zu pathologisieren, sondern zu zeigen, dass seine Musik noch umfassender zu verstehen ist.

Passend zum Beitrag legen wir Ihnen diese Konzerte ans Herz:

„Dabei ist hier und da ödipale Wut erkennbar.“

Was können Sie über Mozarts Beziehung zu seinen Eltern sagen?

Es handelt sich meines Erachtens um eine ziemlich normale patriarchalisch strukturierte Familie mit Vater Leopold als Oberhaupt und Bestimmer und einer sich unterordnenden Mutter. Mir sind keine Informationen bekannt, die Anlass gäben, diese Familie in irgendeiner Weise als auffällig oder gestört zu diagnostizieren. Wunderkinder waren zur damaligen Zeit ein hoch geschätztes Objekt der Begierde. Das wusste Leopold weidlich auszunutzen. Doch spätestens mit Mozarts Übersiedlung von Salzburg nach Wien war die väterliche Verfügungsmacht über sein „Wunderkind“ an ihr Ende gelangt. Mozart machte sich nicht nur vom Erzbischof, sondern auch von der Bevormundung durch den Vater frei. Dabei ist hier und da eine ödipale Wut erkennbar, die an die Tore des Bewusstseins andrängte und die sich auch musikalisch ausgedrückt hat. So zum Beispiel im sogenannten ‚Dorfmusikantensextett‘ KV 522, in dem Mozart den Vater in seiner Mittelmäßigkeit lächerlich macht.

Wurde Mozart denn durch das frühe Herumgereicht-Werden als ‚Wunderkind‘ in irgendeiner Weise traumatisiert?

Mir ist nicht bekannt, dass Leopold Mozart – außer dass er ein patriarchaler Vater war – in irgendeiner verstörenden Weise auf seinen Sohn eingewirkt hat. Mozart wird am ‚Herumgereiche als Wunderkind‘ nicht nur gelitten, sondern auch seinen Spaß gehabt haben, zumal Schwester Nannerl mit dabei war.

„Dabei ist hier und da eine ödipale Wut erkennbar, die an die Tore des Bewusstseins andrängte und die sich auch musikalisch ausgedrückt hat.“

Wie interpretieren Sie die Fäkalkomik in den berühmten Mozart-Briefen an seine Cousine Anna Maria Thekla?

Nach Freud gibt es in der frühen Kindheit Phasen, die durch heftige oralsadistische und analsadistische Fantasien geprägt sind. Aufgrund des noch unreifen Ichs mussten sie damals verdrängt werden. Doch im Erwachsenenalter ergibt sich die Chance, diese Verdrängung ein wenig zu lockern und sich den destruktiven Fantasien zuzuwenden, weil ein erstarktes Ich in der Lage ist, diese Fantasien unter Kontrolle zu halten. So hat sich auch Mozart erlaubt, angestiftet durch das junge Bäsle, spielerisch mit diesen Triebkräften umzugehen.

Sie schreiben, dass das Wunderkind Mozart ‚im Raum der Götter‘ lebte und für sein Leben lang seine Musik in diesem Raum schuf. Deswegen klänge seine Musik ‚schön und unschuldig‘. Wie meinen Sie das?

Nehmen wir zum Beispiel die Oper ‚Cosi fan tutte‘. Das Textbuch ist voller Niedertracht: Zwei junge Männer lassen sich dazu anstiften, in herzloser Weise die Treue ihrer Verlobten auf die Probe zu stellen. Beethoven lehnte diese Oper rundweg ab, da er der Meinung war, dass man mit Frauenliebe und Frauentreue keine Scherze treiben sollte. Was macht Mozart? Er übergeht einfach die Niedertracht der Textvorlage und schreibt eine Musik, die schön, lebendig und liebevoll ist. Man müsste ihm eigentlich vorwerfen, dass er das Libretto falsch vertont hat. Kurt Pahlen moniert, dass Mozart dem ‚teuflischen Text die teuflische Komponente schuldig geblieben ist‘. Man könnte aber auch sagen, dass er sich selbst treu geblieben ist und mozartliche Musik geschrieben hat, die dem Freudigen und Hellen zugewandt ist. Mozarts Musik ist ihrem Wesen nach eine ‚Gute-Laune-Musik‘, deshalb – so vermuten viele Menschen – wird sie auch von den Engeln im Himmel bevorzugt gesungen.

Inwieweit hat sich Mozarts Blick auch politisch auf die Gesellschaft gerichtet?

Wirklich geniale Musik bezieht sich eher selten auf politische Vorgänge. Geniale Musik, die durch höhere Kräfte inspiriert worden ist, bezieht sich auf Prozesse der Bewusstseinsentwicklung, und zwar sowohl auf individueller wie auf kollektiver, also gesellschaftlicher Ebene.

„Wenn man sich mit dem Unbewussten eines Künstlers beschäftigt, setzt man sich gleichzeitig auch mit dem Unbewussten einer ganzen Epoche auseinander.“

Einen Abschnitt Ihrer Mozart-Studie widmen Sie dem Marquis de Sade, seinem ominösen Zeitgenossen. Mozart und de Sade, wie kann das zusammengehen?

Es handelt sich um eine assoziative Verbindung; Mozart und de Sade waren ja, wie Sie sagen, Zeitgenossen: Wenn man sich mit dem Unbewussten eines Künstlers beschäftigt, setzt man sich gleichzeitig auch mit dem Unbewussten einer ganzen Epoche auseinander. Eigentlich habe ich diese Idee aus Wien mitgebracht, wo bei der großen Mozart-Ausstellung in der Albertina im Jubiläumsjahr 2006 in einer Ecke Informationen über Leben und Werk des Marquis de Sade sowie einiger weiterer pornosophischer Kollegen präsentiert wurden. De Sade ist kulturgeschichtlich insofern von Bedeutung, als mit ihm die bis dahin gültige Annahme in Frage gestellt wurde, dass oral- und analsadistische Handlungsweisen auf das Wirken des Satans zurückzuführen sind. Die Menschen begannen, sich ganz allmählich damit vertraut zu machen, dass solche Motive möglicherweise zur conditio humana gehören und in jedem Menschen auffindbar sind, wenn man sich nur tief genug in seine Psyche versenkt. Psychoanalytisch betrachtet, ist de Sade in seinen perversen Ritualen auf die frühkindliche paranoid-schizoide Erlebniswelt regrediert und hat jene bedrohlichen Angstsituationen von Angriff und Vergeltung wiederholt, die er damals nicht zu bewältigen vermocht hat.

Jedes Musikwerk beinhaltet zweifelsohne die Spuren der Existenz seines Schöpfers. Musik drückt aber auch Dinge aus, die zur Sphäre des Unsagbaren gehören, ihre Kraft besteht in ihrer Offenheit und Ambivalenz. Ist sie also nicht mehr als der Ausdruck der inneren Konflikte einer einzigen Person?

Natürlich ist die Musik, was ihren Sinn angeht, vielfältig. Sie transportiert in der Regel nicht nur einen Sinn, sondern ist multipel. Insofern sollte man nicht versuchen, nur nach dem einen Sinn zu forschen, sondern davon ausgehen, dass das Sinngefüge eines Musikwerks multidimensional ist. Ein Streit um die einzige richtige Deutung ist unsinnig, weil nicht zielführend. In Mozarts Musik ist nicht nur sein persönliches Unterbewusstsein hineingeflossen, sondern durchaus auch ein kollektives Unbewusstes. Mozart besaß – wie jeder Mensch – neben seiner individuellen Identität auch eine kollektive Identität, in welcher die unterschwelligen Strömungen seiner Zeitepoche ebenfalls eine Rolle spielten. Die Klassik markiert den Übergang von der barocken Ordnung und harmonischen Konsonanz hin zur romantischen Tiefenforschung mit all den ‚dissonanten‘ abgründigen Gefühlen des Menschen, denen man auf diesem Abstieg begegnet.

Sie schreiben, dass im Mozart-Requiem die Musik von nichts anderem als von der Person Mozart spricht. Können Sie das erläutern?

Im Requiem findet sich sehr viel von Mozarts inneren Kämpfen wieder, aber dieses Werk erschöpft sich natürlich nicht in der Darstellung von inneren Konflikten. Die überspitzte Formulierung, dass die Musik von nichts anderem als von Mozarts Person spricht, ist nicht wörtlich zu nehmen, sondern stellt eine Konterkarierung des Ausspruchs von Wolfgang Hildesheimer dar, dass Mozarts Musik durchweg von anderen Dingen als von seinem Schöpfer spricht.

„Diese Tatsache erlaubt es, von einem barocken, einem empfindsamen und einem romantischen oder abgründigen Mozart zu sprechen.“

Für Sie gibt es viele Mozarts: den ‚barocken Mozart‘, den ‚empfindsamen Mozart‘, den ‚abgründigen Mozart‘, Mozart ‚den mentalen Spieler‘ ...

Weil Mozart ein Kind der Klassik ist, das heißt in jener Epoche lebte, in der der Glanz der Königs- und Fürstenhäuser zu verblassen begann und der unnatürlichen ‚Welt des Puders und der Perücke‘ zunehmend mehr das wahre, unverfälschte Gefühl des Individuums entgegengesetzt wurde, hat er diese Entwicklung mitgemacht und die verschiedenen Stadien durchlebt. Aber diese Stationen eines Entwicklungsprozesses sind nicht irgendwann völlig verschwunden, sondern sind in der Person latent weiterhin lebendig. Diese Tatsache erlaubt es, von einem barocken, einem empfindsamen und einem romantischen oder abgründigen Mozart zu sprechen. Diese Unterscheidungen sind insofern wichtig, weil sie die Aufmerksamkeit auf innere Entwicklungsprozesse in der Person Mozarts richten und deren möglicher Widerspiegelung in der Musik.

Am Ende Ihrer Reise durch die inneren Räume der Musik beziehungsweise der Psyche Mozarts gestehen Sie doch, dass der Salzburger Komponist ein ‚ewiges Rätsel‘ bleibt ...

Richtig, mein abschließendes Urteil lautet, dass ‚ein gewisser Rest an Rätselhaftigkeit‘ immer verbleiben wird. Solch ein Rest an Rätselhaftigkeit findet sich im Grunde bei allen genialen Komponisten, weil ihre Musikwerke nicht ihrem Verstand entsprungen, sondern in höheren Bewusstseinsräumen von engelhaften Musen ihnen zugetragen worden sind. Der Dirigent Bruno Walter hat einmal gesagt, dass für ihn die Musik immer etwas ‚geheimnisvoll Jenseitiges‘ gehabt habe. Wir können uns bemühen, dieses ‚geheimnisvoll Jenseitige‘ zu ergründen, was uns stückweise auch gelingen wird. Aber es wird uns nie vollständig gelingen. Mein Mozart-Buch hat ein paar Facetten dieses Unergründlichen erhellen können, so glaube ich. Mehr aber nicht. Es wird auch weiterhin bei Mozart noch Neues zu entdecken geben.

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