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Freude, schöne Götterkunde!

In einer Welt, die immer weiter aus dem Lot zu geraten scheint, in der Profilneurotiker über Atomarsenale herrschen, asymmetrische Kriege wüten und immer neue Populisten nach der Macht greifen, in einer solchen Welt, das ist ja klar, wird uns nur eines retten: die Musik. Und mit ihr jene, die sie erschaffen haben. Auf dem Olymp der Komponistengötter haben wir die folgenden sieben Tonsetzer-Titanen gefunden – mit Superkräften, auf die es jetzt ankommt.

Gian-Philip Andreas

Johann Sebastian Bach – oder: Maschinokles.

An komplexen Fugen herumschrauben, mit Kontrapunkt und temperiertem Klavier die Harmonik auf Vordermann bringen: Keine Frage, Johann Sebastian Bach ist ein Maschinist, ja, ein fleißiger Maschinokles und das größte Superbrain im Olymp der Komponistengötter. Was die Musik im Innersten zusammenhält, das weiß niemand so gut wie der Musikersohn aus Eisenach, der nach Stationen als Hoforganist in Weimar und Kapellmeister in Köthen als Thomaskantor in Leipzig landete. Dort schrieb der Star-Organist mit den fliegenden Füßen jahrelang für jeden Kirchensonntag eine neue Kantate und erwies sich als versierter Improvisateur, der jede ihm hingeworfene Melodie sofort in ein Musikstück transformieren konnte. Erst 80 Jahre nach seinem Tod wurde er wiederentdeckt, als womöglich bedeutendster Komponist des Barock und als Schöpfer von Musik, die eine unfassbare Tiefe der Empfindung auszeichnet. Heute ist er der Darling aller Jazzmusiker und Mathe-Nerds: US-Informatiker Douglas Hofstadter platzierte in seinem Sachbuch-Bestseller "Gödel, Escher, Bach" den berühmten Satz, eine sechsstimmige Fuge zu improvisieren – wie Bach es auf Anregung Friedrich des Großen getan hatte –, das sei von der Hirnleistung her mit dem Gewinnen von sechzig simultan und mit verbundenen Augen gespielten Schachpartien zu vergleichen.

Passend zum Beitrag legen wir Ihnen diese Konzerte ans Herz:

Freude, schöne Götterkunde!

Wolfgang Amadeus Mozart – oder: Knabeos.

Heutzutage hält jede Helikopter-Mutti ihren Spross für ein Wunderkind oder wie die Griechen sagen: ein Knabeos – für Wolfgang Amadeus Mozart aber musste dieses Wort praktisch erst geprägt werden. Vom Vater herumgereicht wie eine Jahrmarktsattraktion, musste der Salzburger Knabe vor adeligem Salonpublikum auf Zuruf improvisieren und – mit verdeckten Händen – die schwersten Stücke vom Blatt spielen. Sein Ausnahmetalent war nicht übertrieben: Mit fünf komponierte er Klavierkonzerte, mit elf die erste Oper. Alles, was danach kam, verzückt uns heute noch mit seiner natürlichen Leichtigkeit. Eine wichtige Soft Skill für den musikalischen Götterhimmel im Kampf gegen das gefährliche Mittelmaß: Er konnte die Konkurrenz schon allein dadurch in den Wahnsinn treiben, dass ihm das Komponieren so leicht fiel. Alles, was ihm durch die perückte Rübe rauschte, musste nur flugs niedergeschrieben werden: fertig. So macht es uns zumindest Peter Shaffers Theaterstück “Amadeus” weis – und dessen berühmte Verfilmung durch Milos Forman, die Mozart für alle Zeit als hyperaktiven, dauergiggelnden Kindskopf in die Popkultur gepflanzt hat. Mozart selbst starb schon mit 35 Jahren – in unserem Pantheon trumpft er mit jugendlicher Unbekümmertheit auf. Was dabei nicht vergessen werden darf: Kein anderer Komponist seiner Zeit hat den Menschen in seiner Musik so tief in die Seele geschaut wie er.

Ludwig van Beethoven – oder: Freiheus.

Als die Französische Revolution 1789 losbrach, war Beethoven noch ein sehr junger Mann – und fortan glühender Anhänger ihrer zentralen Werte: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Der als Freiheus bekannte Komponist verehrte Napoleon wie einen Vater und war, so schrieb sein Schüler Ferdinand Ries 1838, tief enttäuscht, als sich der Feldherr 1804 zum Kaiser krönte. Er zerriss das Titelblatt der ursprünglich Bonaparte gewidmeten 3. Symphonie und titelte sie in "Eroica" (die Heroische) um: Der Held, das war nun ein anderer, denn Napoleon, fluchte er, "wird sich nun höher wie alle anderen stellen, ein Tyrann werden". Ries' Anekdote soll die revolutionäre Unbeugsamkeit dieses Mannes demonstrieren, der die Ode "An die Freude" seines Vorbilds Schiller im 4. Satz der 9. Symphonie vertonte und darin mit der Einbeziehung von Sängern gezielten Hochverrat an den Konventionen übte. Schließlich hat der virtuose Pianist mit dem wirren Haar und dem mürrischen Blick, dieser tragisch ertaubende und proto-romantische Tonsetzer die Freiheit auch im Privaten durchgesetzt: Beethoven war kein Hofkomponist mehr, er war der Archetyp des freien Künstlergenies. Im Götterhimmel profiliert er sich durch produktive Streitbarkeit und kompromisslose Autonomie.

Richard Wagner – oder: Egokles.

Arien, Duette, Chöre, Rezitative: Bevor Richard Wagner das Ruder übernahm, bestanden Opern aus Nummern, die in verlässlichem Wechsel aufeinanderfolgten. Wagner hingegen, schon früh vom eigenen Genius überzeugt, hatte Umstürzlerisches im Sinn: Seine Opern sollten Musikdramen sein, deren Teile wie aus einem Guss ineinanderflossen – organisiert durch Leitmotive. Dabei wollte Wagner alles zugleich sein: Komponist, Dramatiker, Theaterpraktiker, Dirigent, zuständig für alles, vom selbstverfassten Libretto (gern in teutonisch tümelnden Stabreimen) bis hin zur szenischen Gestaltung: Durch ihn wurde die Oper zum alle Sinne überwältigenden Theatererlebnis, zum "Gesamtkunstwerk". Mit seinem Gönner, dem bayerischen Märchenkönig Ludwig II., teilte er den Hang zur kultischen Selbstinszenierung. Kein Wunder also, dass man ihm irgendwann den Beinamen Egokles ans Revier geheftet hat. Das Festspielhaus in Bayreuth samt dem seinem eigenen Werk vorbehaltenen Sommerfestival existiert bis heute. Wenn auf dem Komponisten-Olymp also irgendwer irgendwann nicht mehr weiter weiß: Er muss nur Wagner fragen, der regelt das schon. Nur den PR-Posten sollte man dem gebürtigen Sachsen nicht überantworten: Antisemitismus und Sexismus passen selbst dort oben nicht mehr in die Zeit. Zum Glück.

Anton Bruckner – oder: Erlöseus.

Unter den Einzelgängern der Musikgeschichte nimmt Anton Bruckner eine Sonderstellung ein: Im Pantheon der göttlichen Tonschöpfer gibt er den Betbruder. Seine Superkraft ist das Gottvertrauen. Erst mit Ende dreißig hatte er sich dazu durchgerungen, mit dem symphonischen Komponieren anzufangen, da war er längst als Organist berühmt. In Wien fiel der stämmige Mann aus der oberösterreichischen Provinz mit seinen viel zu weiten Anzügen schon rein optisch auf, vom Pianisten Hans von Bülow musste er sich als "halb Genie, halb Trottel" abkanzeln lassen. Immer wieder machte er sehr jungen Frauen Heiratsanträge, angenommen hat keine. Vielleicht lag's an seinen Neurosen – vom Zählzwang bis zum feuchtigkeitsresistenten Unterrock, der ihm im Fall eines plötzlichen Samenergusses das Peinlichste ersparen sollte. Seinen Einsamkeitsgefühlen entsprach die mönchische Lebensweise: kein Komfort, viel Gebet. Der Katholizismus strukturierte sein Leben und sorgte für die innere Stärke beim Komponieren von neun grandiosen Symphonien, die zu einer Zeit, da Liszt und Wagner die Gattung für tot erklärt hatten, wie aus der Zeit gefallen wirkten. Am Ende strebte bei Bruckner eben einfach alles nach Erlösung. Mehr oder minder erfolgreich.

Gustav Mahler – oder: Baupheus.

An der Schwelle zur Moderne war dieser Wagner-Fan ein fast noch größerer Ton-Neurotiker als Bruckner: Im echten Leben von Tragödien verfolgt und von dauerhaft moribunder Gesundheit, reflektierte er das Gefühl seiner existenziellen Entfremdung als jüdischer Böhme in Wien in ergreifenden Kunstliedern und Symphonien. Angefangen mit den "Liedern eines fahrenden Gesellen" war Mahler stets ein Komponist der emotionalen Ambivalenz: Glück und Elend, kristalline Schönheit und wilde Raserei liegen bei ihm – wie eben auch im Leben – stets nah beieinander. Seine Symphonien werden zu Collagen aus Lautmalerei und Verdichtung, Trivialmusikzitaten und begnadetem Erfindungsreichtum, unmittelbar beeinflusst von den eigenen Glücks- und Schmerzerfahrungen. Als Dirigent war Mahler ein dauergestresster, perfektionistischer Weltstar, komponieren konnte er nur im Urlaub: "Mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen", lautete dafür seine 1895 formulierte Maxime. Der faszinierend neue Kosmos, der so entstand, vom nachgeahmten Vogelgezwitscher über abgründigste Dramatik bis hin zum visionären Experiment, fand erst posthum die fällige Bewunderung. In unserem Komponistenhimmel hat Mahler die Mörtelkelle in der Hand.

Arnold Schönberg – oder: Zerstöreus.

Musikgelehrte datieren den Beginn der musikalischen Moderne oft auf den sonderbar richtungslosen Tristan-Akkord in Wagners "Tristan und Isolde". So richtig los ging es aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Arnold Schönberg daran ging, die gute alte Tonalität zu zertrümmern und jene beiden Tonleitern für obsolet zu erklären, die sich die abendländische Musik Jahrhunderte zuvor zum Maßstab genommen hatte: Dur und Moll. Es sei alles gesagt worden, was damit zu sagen gewesen sei, fand der Wiener Komponist, der sich selbst als konsequenter Fortsetzer der Tradition betrachtete. Doch sein atonales Destruktionswerk sollte auch ein neuer Anfang sein: Mit den intellektuellen Zahlenreihenspielen seiner "Zwölftontechnik" holte er die Dissonanz aus der harmonischen Schmuddelecke, womit er beim gemeinen Publikum kein Renner wurde. 1913 stürmten Zuhörer seines "Watschenkonzerts" empört die Bühne, um den tapferen Tonsetzer zu ohrfeigen. Ein Erneuerer von Format, ein Zerstöreus wie ihn jedes ernstzunehmende Götterpantheon braucht, muss so etwas natürlich aushalten. Wie gut sein Abrisspotenzial heute noch funktioniert, kann jeder mühelos herausfinden, wenn er bei Tante Mechthilds Kaffeekränzchen Schönbergs "Pierrot Lunaire" auflegt und einfach mal abwartet, was dann passiert.

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