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Tears in Heaven - eine Playlist

Wie kann man das Unvorstellbare zum Ausdruck bringen, wenn nicht mit Musik? In Sachen Intensität liegen Erlösungs- und Liebesmusiken absolut auf Augenhöhe, und bisweilen fließt ja auch das eine in das andere… 15 Stücke über Erlöste und Unerlöste – und darüber, wie es dort drüben sein könnte.

1. Johann Sebastian Bach: Rezitativ Nr. 67 und Schlusschor Nr. 68 aus der „Matthäus-Passion“

Jesus ist von seinen Leiden erlöst. Trauer, Trost und Sanftmut liegt erhaben über diesen letzten Minuten einer der größten musikalischen Schöpfungen überhaupt. „Höchst vergnügt schlummern da die Augen ein“, heißt es im Schlusschor. Die selige Erwartung der Auferstehung ist nicht ausgesprochen – umso intensiver schwingt sie mit.

Passend zum Beitrag legen wir Ihnen diese Konzerte ans Herz:

Tears in Heaven - eine Playlist

2. Gavin Bryars feat. Tom Waits: Jesus blood never failed me yet

Das Lied eines Tramps in London. 13 Takte lang – bei Bryars / Waits ist es ein 20-minütiger Loop. Einmal lief die Endlosschleife in Bryars‘ Studio im Hintergrund. Die Leute wurden still, wiegten sich im Takt, manche weinten.

3. Richard Wagner: „Mild und leise“, Schlussgesang der Isolde aus „Tristan und Isolde“

Schöner Sterben: Die stärksten Kräfte, die in uns wirken, verschmelzen zu einem unnennbaren Gefühl, das wir uns in Wagners Worten so vorstellen müssen: „Ertrinken, versinken, unbewusst, höchste Lust.“

4. Richard Wagner: „Die Frist ist um“ – „Nur eine Hoffnung soll mir bleiben“, Szene und Arie des Holländer aus „Der fliegende Holländer“

In Sachen Sterben ein Bruder Isoldes, nur ist der Holländer noch nicht so weit: Fände er eine Geliebte, gewänne er seine Sterblichkeit zurück. Doch noch ist er verdammt dazu, ewig auf See zu sein.

5. Felix Mendelssohn-Bartholdy: Motette „Herr, nun lässest du deinen Diener fahren“

Und wieder ist das Sterben-Dürfen an eine Bedingung geknüpft: Der greise Simeon erkennt in einem Kind den erwarteten Heiland. Die Weissagung erfüllt sich: Erst jetzt, da seine Augen den Verheißenen geschaut haben, darf er sterben.

6. Ludwig van Beethoven: Arietta aus der Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111

Musik wie von einem anderen Stern, die vielleicht nur jemand schreiben konnte, der die Banalitäten des Erdenlebens nicht mehr hören konnte. In den letzten fünf Minuten entmaterialisiert sich diese Musik, als ob sie uns den Weg in ein höheres Dasein weist.

7. John Coltrane: „Psalm“ aus dem Album „A Love Supreme”

Ein Gegenstück zu Beethovens Arietta im Jazz: Der letzte Satz seiner legendären Suite „A Love Supreme“ ist ein Gebet aus purem Klang. Rhythmus und Metrum sind aufgehoben, zeitlos breitet sich eine friedvolle Atmosphäre aus. Zugrunde liegt ein Gedicht, das beginnt: „I will do all I can to be worthy of Thee O Lord. It all has to do with it. Thank you God. Peace. There is none other.”

8. Alexander Skrjabin: Le poème de l'extase

In Sachen Sendungsbewusstsein mit Wagner mindestens auf Augenhöhe: Skrjabin wollte durch seine Musik die Befreiung des Geistes im ekstatischen Erleben erreichen und den Menschen vollkommen machen. Henry Miller mochte das: „Die Musik klingt wie ein Eisbad, Kokain und Regenbogen.“

9. Marvin Gaye: Sexual Healing

Gayes Begriff von Liebe und Ekstase ist hier deutlich bodenständiger. Der Wunsch nach Erlösung vom Verlangen deswegen aber nicht weniger stark. Gayes Tod war zweifellos keine Erlösung: Er wurde im Alter von 44 Jahren von seinem Vater erschossen.

10. Richard Strauss: Tod und Verklärung

Strauss‘ Hobby, über alles Natürliche und Übernatürliche Musik zu schreiben, machte auch vor der letzten Stunde eines Schwerkranken nicht halt.

11. Antony & The Johnsons: Another World

Für die intersexuelle Sängerin Ahnoni ist die Sehnsucht, ein Anderer zu sein, ein Lebensthema. Vielleicht ist dieser Song über die Sehnsucht nach einer anderen Welt nach dem Tod so unglaublich berührend.

12. Pink Floyd: Eclipse aus „The Dark Side of the Moon”

Auf der Schwelle zwischen Leben und Tod: Alles, was war, was ist und sein wird, alles unter der Sonne harmonisiert sich für einen Moment. Und wird dann vom Mond verfinstert.

13. Bob Marley: Redemption song

Achtung, kein Reggae! Die schönste Zeile: „Emancipate yourselves from mental slavery.“

14. Eric Clapton: Tears in Heaven

Claptons Song für seinen Sohn, der mit vier Jahren nach einem Sturz aus dem Fenster starb. Erlösung hier und dort: Clapton versucht, seinen Schmerz durch die Musik zu lindern und visioniert einen Himmel, in dem es keine Tränen gibt.

15. Gustav Mahler: Adagio aus der Symphonie Nr. 3 d-Moll

„Was mir die Liebe erzählt“ – Mahlers wie einem Poesiealbum entsprungene Notiz zu diesem Satz wird vor allem nach dem Erleben der vorangehenden 80 Minuten Drama, Spiel und Abgrund zur glaubwürdigen Botschaft.

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