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„Uns muss die Gegenwart genügen“

An was glaube ich – wodurch werde ich erlöst? Wir sprachen mit dem Philosophen Volker Gerhardt über Sinnsuche in der Gegenwart und eine Antwort auf die Frage nach dem Jenseits.

Christopher Roser

Die Religion scheint langsam aus Deutschland zu verschwinden. Viele Menschen sind nicht mehr im traditionellen Sinne gläubig. Ist es da noch zeitgemäß, über Erlösung zu reden?

In der Moderne hat man eine Zeit lang geglaubt, das immense Wachstum des wissenschaftlichen Wissens könne eine Ergänzung durch religiöse Lehren überflüssig machen. Das halte ich für einen verhängnisvollen Irrtum. Denn je mehr wir wissen, umso sicherer können wir uns sein, dass die Wissenschaft unsere Fragen nach dem Grund und dem Zweck unseres Daseins nicht beantworten wird. Die Sinnfragen des Menschen stellen sich mit jedem Leben neu, und sie verlangen nach einer Antwort, vor allem in den Lagen großer existenzieller Belastung. Ob die bestehenden Religionen diese Antworten geben können, hängt allein von ihnen selbst ab – sowie von denen, die nach Antworten suchen. Dabei müssen wir es jedem selbst überlassen, für welchen Glauben er sich entscheidet. Dazu gehört auch das Zugeständnis der Freiheit an jeden, der sich von allen überlieferten Lehren freimachen möchte und glaubt, dass er keinen Glauben brauche. Auch in diesem Zugeständnis liegt die Religionsfreiheit, die anzuerkennen, nicht allein vom Staat, sondern vorrangig von den Religionsgemeinschaften zu erwarten ist. Ich wünsche mir, dass man daraus eine menschenrechtliche Bestimmung für alle Religionen macht, die als Glaubensgemeinschaft anerkannt werden wollen.

Passend zum Beitrag legen wir Ihnen diese Konzerte ans Herz:

„Uns muss die Gegenwart genügen“

Die Gretchenfrage: Wie halten Sie es mit der Religion?

Das Bedürfnis nach Glauben steigt weltweit und lässt die Zahl der Gläubigen stetig anwachsen. Dass ein kleiner Teil Mitteleuropas derzeit ausgenommen ist, fällt, global gesehen, nicht ins Gewicht. Außerdem kommen ständig neue Gemeinschaften hinzu. Wie könnte ich da annehmen, dass sei für mich als Wissenschaftler irrelevant? Wenn Sie mich, so wie Gretchen ihre bange Frage an Faust verstand, nach meinem persönlichen religiösen Glauben fragen, kann ich nur sagen, dass ich das Glück empfinde, als Christ in einer alten Tradition zu stehen, die nicht nur alt-jüdische, sondern auch humanitäre Auffassungen der griechischen und römischen Philosophen in sich aufgenommen hat. Die christliche Botschaft ist ursprünglich auf Liebe gegründet. Sie verspricht mit der Liebe das, was wir alle brauchen, nämlich Gnade und Barmherzigkeit, und verlangt eigentlich nicht mehr als Mitgefühl und individuelle Einsicht, die von Anfang an ohne Toleranz nicht gedacht werden kann. Wo diese Elemente nicht gegeben sind, hat man gerade als Christ die Pflicht und die Schuldigkeit, das Christentum unter Berufung auf Christus zu kritisieren.

„Und dennoch ist es so, dass es nur mit und durch dieses Bekenntnis zur Humanität die Chance zu einer Änderung gibt.“

Was bedeutet „Erlösung“ eigentlich? Und warum suchen Menschen nach Erlösung?

Was soll damit anderes gemeint sein als die Erlösung von der Last des Lebens? Damit freilich auch von der Schuld, die sich allein mit den zahlreichen Versäumnissen, mit den Treulosigkeiten, den Schwächen, mit den zu großen Versprechungen und den damit geweckten Erwartungen aufgehäuft hat? Hier weiß jeder selbst am besten, was ihn belastet. Und wenn ich nur daran erinnere, dass wir als Menschen notwendig Teil der Menschheit und damit auch unter ihrer gewalttätigen Geschichte und ihrer besinnungslosen Gegenwart zu leiden haben, ist es so vermessen wie erschütternd, sich als Mensch zur Menschheit zu bekennen und bekennen zu müssen. Und dennoch ist es so, dass es nur mit und durch dieses Bekenntnis zur Humanität die Chance zu einer Änderung gibt. Da dieser erhoffte Umschlag, wenn überhaupt, vermutlich erst nach mir, also nach meinem Tod, kommen wird, habe ich allen Grund, auf Entlastung wenigstens für mich selbst und meine Nächsten zu setzen. Sie sehen: Ich bin genötigt, „Erlösung“ ganz und gar individuell zu verstehen und muss dabei von der aus Gründen der Humanität gebotenen Hoffnung auf eine Erlösung aller absehen. Natürlich wünsche und erhoffe ich sie für alle. Wenn man sich ernst nimmt, muss man diese Erwartung wenigstens für sich selber haben, ehe man sie auch auf andere bezieht. Und mit Blick auf sich selbst braucht man von einer Wiederauferstehung am Ende aller Zeiten nichts abhängig zu machen.

Wo sehen Sie die Verbindung zwischen der Hoffnung auf individuelle Erlösung und dem religiösen Glauben?

Sie liegt im Vertrauen auf ein Ganzes, das man „göttlich“ oder „Gott“ nennen kann, und von dem man einen Ausgleich im Ganzen erhofft. Wie der aussieht und wer hier als Richter auftritt, können wir nicht wissen. Auch dann nicht, wenn wir Philosophen, Priester oder Mönche sind. Aber eine Vorbereitung darauf kann darin liegen, dass wir uns an das halten, was wir selbst für gut begründet, gerecht und menschlich halten. Dabei muss man sich selbst als ein Ganzes verstehen, das sich dem Ganzen des Daseins gegenübersieht. In dieser Konstellation kann ich dann das Ganze des Lebens und der Welt – in der Entsprechung zu mir selbst – nach Art einer Person auffassen und, auch das ist schon ein Wunder, als „Gott“ ansprechen.

Sie fordern ein Vertrauen auf das Ganze und Göttliche. Warum brauchen wir dieses Vertrauen?

Wenn der Navi uns nicht zum richtigen Ziel führt, haben wir bei der Eingabe einen Fehler gemacht oder das System ist defekt. Das können wir nachprüfen, und es ist dann ein Fall für unser Wissen. Aber wenn wir darauf vertrauen, dass Bildung nicht nur nützlich ist, sondern auch einen Wert in sich selber hat; wenn wir davon überzeugt sind, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und jedem die Freiheit zugestanden werden muss, auch in religiösen Dingen frei zu sein, gibt es keine verlässliche Überprüfung durch ein Wissen. Hier haben wir zwar gute Gründe, aber kein sicheres Wissen, weder vorher noch nachher. Also müssen wir bereits in diesen weltlichen Dingen glauben. Und so ist es auch mit unserem Vertrauen in den Sinn der Gerechtigkeit, der Moral, der Kultur, der Kunst oder der Liebe. Und wer dieses Vertrauen aufbringt, der vertraut auch auf die Bedingungen, die es möglich machen, in diesem Vertrauen zu leben. Das ist zwar kein Gottesbeweis, wie ihn sich manche Theologen bis heute wünschen, aber es ist ein Argument für die Unverzichtbarkeit des Glaubens an ein Ganzes, in das wir mit unseren menschlichen Kräften eingelassen sind. Ohne Glauben an eine elementare Übereinstimmung zwischen der Welt und uns könnten wir weder mit innerer Überzeugung handeln, noch könnten wir von irgendetwas annehmen, dass es einen Wert in sich selbst hat. Jeder, der Musik liebt, geht von einer solchen Annahme aus.

„Denn die Musik kann beides: In den Taumel des Lebens hineinziehen und zugleich aus den Traumata des Lebens herausführen.“

Gustav Mahler macht die Sehnsucht nach Erlösung in seiner zweiten Symphonie zum Thema, die ja auch „Auferstehungssymphonie” genannt wird. Seine Musik verspricht uns, ein Stück Erlösung zu bringen. Was halten Sie von der Erlösung in der Musik?

Wenn ich polemisch sein wollte, könnte ich sagen, diese Erwartung ist auf dem Stand der Romantik des frühen 19. Jahrhundert stehen geblieben. Es war Schopenhauer, der die Musik zur einzig verbliebenen Kraft erklärte, die aus der Gefangenschaft im „principium individuationis“ herausführen sollte. Darin ist ihm der junge Nietzsche eine Weile lang gefolgt, ehe er diese Vision in ihr Gegenteil verkehrte und die Kunst zum „Stimulans des Lebens“ erklärte: Sie solle nicht zur Erlösung vom individuellen Dasein, sondern zu dessen Steigerung führen. Die Musikerfahrung des 20. Jahrhunderts hat gezeigt, dass beide Recht haben – je nachdem, was man unter welchen Bedingungen und in welcher Stimmung hört. Denn die Musik kann beides: In den Taumel des Lebens hineinziehen und zugleich aus den Traumata des Lebens herausführen. Günstig, so scheint mir, ist dafür, dass man der Musik, möglichst durch eigenes Musizieren, nahe steht; und notwendig ist, dass man nicht unablässig von ihr berieselt wird. Im Übrigen wissen wir, dass sie in der Geschichte der Kultur bei allen Anlässen des Daseins – ob bei Triumph- oder Trauerfeiern, ob beim Marsch in die Schlacht, bei einer Thronbesteigung oder im Gottesdienst – für die Verstärkung des äußeren Eindrucks und der inneren Bewegung gesorgt hat.

Welche Rolle spielen die Hoffnung auf Erlösung und das Vertrauen auf das Göttliche im Umgang mit dem Tod?

Mir hilft dieses Vertrauen auch in der beklemmenden Aussicht auf meinen eigenen Tod. Zwar kann ich nicht wissen, in welcher Verfassung ich im Sterben bin; keine Ahnung, was die Umstände mir dann abnötigen: Aber aus der Perspektive meiner Gegenwart hat das große, von den Barockdichtern ausgekostete „Umsonst“ wenig Überzeugendes an sich. Dabei unterstelle ich nicht, dass die Spuren, die ich mit meinem Tod hinterlasse, erhalten bleiben. Sie werden sich im Gang der Zeiten, da bin ich sicher, rasch verlieren. Doch die Bedeutung Gottes kann nicht daran gemessen werden, dass er alles lange genug bewahrt und auf ewig in Erinnerung hält. Uns muss die Gegenwart genügen, in der es uns jetzt möglich ist, einen Sinn zu haben. Nach allem, was vom Urknall an mein Ohr gedrungen ist und was ich von der Geschichte der Erde oder von der an Zufällen reichen Evolution der Menschheit bis zu deren fortgesetzten Verbrechen weiß, muss mir der Sinn, den ich jetzt habe und der mich ernsthaft leitet, absolut unwahrscheinlich erscheinen. Und dennoch habe ich ihn. Ich nehme ihn auch bei meinen Antworten auf Ihre Fragen in Anspruch. Welchen Grund sollte ich haben, den Stillstand meines Herzens oder meinen Hirntod als Widerruf meiner Aussagen in diesem Interview zu verstehen? Mein Sprechen und mein Handeln werden von einem Sinn getragen, den mein Tod nicht sinnlos machen kann – ein Tod, der auch mein Tun nicht ungeschehen macht.

„Ein Glauben, der nicht mit dem übereinstimmt, was ein Mensch für richtig hält, steht sich selbst im Weg.“

Mit dem Atheismus ist ja auch eine Hoffnung auf Selbstbestimmung und Autonomie verbunden. Wenn es keinen Gott gibt, dann ist der Mensch nicht abhängig von einem Schöpfer, dem er alles zu verdanken hat und dem er auch vollkommen ausgeliefert ist. Ist eine solche Autonomie ein unerreichbares Ziel?

Diese Reden sind mir wohlbekannt: Sie gehen von einer kindlichen Vorstellung aus, die sich Gott nach Art eines unumschränkt herrschenden Vaters ausmalt, der den Menschen nur die Freiheit gegeben hat, damit sie ihm gehorchen. Einen solchen Gott hat Nietzsche zu Recht für „tot“ erklärt. Nur: Einen solchen Gott hat es, zumindest bei den Philosophen, nie gegeben. Das nicht deutlich genug gesagt zu haben, mache ich Nietzsche zum Vorwurf. Die Philosophen haben seit der Antike Gott als einen alles umfassenden Grund gedacht, aus dem auch die Vernunft und die Freiheit des Menschen entspringen. Diesem Grund bleibt der Mensch nahe, wenn er seine Vernunft gebraucht und sich, im Licht seiner eigenen Einsicht, nach ihr richtet. Die Aufklärung hat diesen Anspruch verstärkt: Der Mensch soll den Mut haben, sich seiner eigenen Vernunft zu bedienen. Es ist aber eben diese Vernunft, die den Menschen über ihre eigenen Grenzen aufklärt. Denn sie kann ihm nicht auf alle Fragen, die das Leben stellt, Antwort geben. Folglich ist sie es selbst, die ihn in das weite Feld des Glaubens entlässt. Daraus einen generellen Widerspruch zwischen Vernunft und Glauben abzuleiten, ist ein Indiz eines schweren Defizits der eigenen Aufgeklärtheit.

Ein Problem mit der Verbindung von Glauben und Vernunft liegt ja in der großen Anzahl von möglichen Glaubensformen. Es scheint einfach unmöglich zu sein, mithilfe der Vernunft eine davon auszuwählen. Oder kann man sich sehr wohl mit gutem Grund für einen Glauben entscheiden?

Wir wachsen in der Regel unter Menschen auf, die etwas glauben oder die glauben, nicht glauben zu können. Der Glauben, der die kindliche Umgebung prägt, vielleicht sogar trägt, ist in der Regel auch der Glauben des heranwachsenden Kindes. Da gibt es nichts zu wählen. Die Frage einer Wahl kommt erst mit Zweifeln und zumeist im Bewusstsein von Alternativen auf. Und unter solchen Umständen gibt es dann auch mögliche Gründe und Gegengründe, über die natürlich immer auch aus einer persönlichen Perspektive nachgedacht wird. Alle, die hier nach einer Entscheidung suchen, sollten nicht nur die Freiheit dazu haben, sondern auch die Möglichkeit, sich zu informieren und sich nach den eigenen Erfahrungen und Gründen zu richten.

Jeder Glaube scheint mit einer gewissen Moral verbunden zu sein. Der Gläubige scheint ganz anders leben zu müssen als der Ungläubige. Sagt die Religion nicht zu uns: „Du musst dein Leben ändern“?

Ihre Frage unterstellt einen Glauben mit vorgegebenen dogmatischen Beständen. Der war früher die Regel und kommt heute gewiss noch allenthalben vor. Ein solcher Glauben verlangt natürlich, dass die Gläubigen nach den moralischen Vorschriften leben, die von ihrer Religion verkündet werden. Doch die unterstellte Verbindlichkeit hat es nur in den offiziellen Verlautbarungen gegeben; die Priesterschaft war wesentlich damit beschäftigt, den Gläubigen Vorhaltungen wegen ihrer abweichenden Lebensweise zu machen. Als Gläubige galten die Ermahnten und Gescholtenen dennoch. Schon die Tatsache, dass die Zehn Gebote nötig waren, zeigt an, wie locker die Sitten tatsächlich waren. Wir sind heute so frei, den Gläubigen, die es ja auch außerhalb institutionalisierter Religionsgemeinschaften gibt, selbst die Urteilskraft darüber zuzugestehen, was sie für richtig halten. Entscheidend ist, dass sie sich darauf verstehen, die Würde ihrer eigenen Person zu wahren und die Personalität ihrer Mitmenschen zu achten. Damit habe ich auch die Frage nach dem „richtigen Leben“ beantwortet: Ein Glauben, der nicht mit dem übereinstimmt, was ein Mensch für richtig hält, steht sich selbst im Weg. Und man muss anerkennen, dass es nicht nur ein „richtiges Leben“ gibt! Wir haben, selbst in traditionellen Gesellschaften eine Pluralität von Möglichkeiten und sind in der Regel von individuellen Präferenzen und Optionen geleitet, die Soziologen heute bereits als Glauben bezeichnen.

„Und ob es ein „gutes Leben“ war, kann man stets erst nach seinem Ende sagen.“

Wie kam es dazu, dass Religion früher eher mit Vorschriften und auch mit einem politischen Machtanspruch verbunden war?

Spätestens seit es die ersten städtischen Zivilisationen gibt, also seit etwa sechstausend Jahren, gehören die Religionen zum festen Bestandteil der menschlichen Kultur. Mit größter Wahrscheinlichkeit hat es auch schon früher Formen der rituellen Beschwörung und der zeremoniellen Verehrung von Geistern und Göttern gegeben. Aber Religionen dürften daraus erst in Verbindung mit der Ausbildung politischer Herrschaft und der ersten Systeme der Sammlung, Erweiterung und Ordnung des Wissens entstanden sein. Denn die religiösen Gründungsmythen zeigen, dass sie der Erweiterung und Vervollkommnung eines bereits bestehenden Wissens dienten. Dazu bedurften sie alsbald auch der Schrift sowie der schriftkundigen Sachwalter, die als Tempeldiener mit besonderer Autorität ausgestattet waren. Es ist nur natürlich, dass solche Religionen der politischen Herrschaft nützlich, unter Umständen aber auch gefährlich sein konnten. Deshalb ist die Geschichte der Menschheit immer auch durch die Rivalitäten zwischen politischen und religiösen Machtansprüchen bestimmt.

Ist der Konflikt mit dem IS nicht einfach eine Wiederbelebung und Fortsetzung dieser alten Rivalität?

Nein, das glaube ich nicht. Der Islamistische Terrorismus gehört nicht in die Religionsgeschichte, sondern zu den Folgelasten des euro-amerikanischen Kolonialismus. Der hat die arabischen Staaten besonders stark getroffen, weil sie sich zunächst im Zeichen des Nationalismus und des Staatssozialismus zu befreien suchten – in Grenzen, die willkürlich von den englischen Besatzern gezogen waren. Wenn wir noch die Gegensätze durch die Geldschwemme in der Folge des Ölreichtums und die Gründung des Staates Israel mitbedenken, dann muss man sich nicht wundern, dass der Nahe Osten zu einem Pulverfass geworden ist, das inzwischen eine ernste Bedrohung für den Weltfrieden darstellt. Ich leugne nicht, dass die genuin politischen Gegensätze auch deshalb so scharf aufeinanderprallen, weil nach der iranischen Revolution die Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten das Ausmaß eines nationalpolitischen Machtkonflikts erreicht haben. Gleichwohl handelt es sich beim Islamistischen Terrorismus nicht primär um einen religionsgeschichtlich relevanten Vorgang, sondern eher um eine der Religion äußerlich bleibende Instrumentalisierung des Glaubens durch politische Aktivisten. Angesichts der Rückständigkeit der Bevölkerung fällt es natürlich leicht, die Religion für terroristische Zwecke zu nutzen. Aber ich denke und hoffe, dass dies nicht von Dauer sein wird. Auch der Islam wird sich im Geist der Aufklärung verändern müssen. Er hat sich vor allem vom Monopol der Scharia zu lösen, wenn er unter den Bedingungen der Moderne als Religion Bestand haben möchte. Wohlgemerkt: Das ist eine hoffnungsvolle religionsgeschichtliche Spekulation. Sie bedeutet nicht, dass wir nicht alles tun müssen, um dem Terror ein Ende zu setzen. Sie sieht auch nicht darüber hinweg, dass der Islam als Religion ein erschreckendes Modernitätsdefizit hat. Von der Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaften, der Aufklärung und der Menschenrechte blieb der Islam weitgehend unberührt. Wenn er in der Weltgemeinschaft als Religion anerkannt sein möchte, hat er viel nachzuholen. Seine in Vielem von Vernunft und Aufklärung geprägte Geschichte dürfte ihm das nicht unmöglich machen.

Lassen Sie uns am Schluss noch einen spekulativen Ausblick auf die Erlösung wagen. Wie könnte eigentlich der erlöste Zustand – sei es im Dies- oder Jenseits – aussehen?

Zum Verständnis des Begriffs des „Jenseits“ gehört, dass er ein Jenseits unseres Erkennens und Wissens bezeichnet. Also kann niemand, der es Ernst mit der Rede vom Jenseits meint, dazu auch nur das Geringste sagen. Für das „Diesseits“, also für unser Leben gilt, dass es in allem, selbst noch im Schlaf, unter Spannung steht. „Erlösung“, im strengen Sinn des Wortes, kann also nur im Ende des Lebens liegen. Darauf kann ein sanfter Tod die beste Vorbereitung sein. Solange man lebt, kann man sich Erfüllung nur in dem wünschen, was einem, möglichst mit seinen Nächsten, wichtig ist. Hier kann manches als Befreiung, als Erleichterung und somit auch als glücklich und befriedigend empfunden werden. Alles in allem dürfte es das von dem antiken Philosophen Aristoteles definierte „gute Leben“ sein, das im Ganzen der Erfüllung nahe kommt. Doch dazu gehören nicht nur günstige Umstände, sondern vor allem: Dass man sich selber darum bemüht. Und ob es ein „gutes Leben“ war, kann man stets erst nach seinem Ende sagen. Hier bedeutet „Jenseits“, dass der Tote schweigt, so dass den Lebenden das Urteil überlassen bleibt. An diesen Umstand zu denken, solange man lebt, kann auch ein Moment des „guten Lebens“ sein.

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