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Wenn die letzte Klappe fällt: 10 mal Kino-Erlösung.

Nahezu jedem Spielfilm wohnt auch eine Erlösung inne – denn keine echte Erzählung kommt ohne Konflikte und deren finale Auflösung aus. So gibt es in allen Genres Film-Momente, die ultimativ befreiend wirken: die Enttarnung des Mörders, der erste Kuss des verhinderten Liebespaars, der gerade noch glückliche Ausgang einer Actionsequenz, die Befriedung eines Zerwürfnisses. Erlösung kann aber natürlich auch zentrales Thema sein – im klassisch-religiösen oder aber übertragenen Sinn, als Rettung vor Gefahren oder als Befreiung von schwerer Krankheit oder identitärer Verstellung. Wir legen Ihnen zehn überhaupt nicht repräsentative, aber doch exemplarische Erlösungsfilme ans Kinoherz.

ausgewählt von Gian-Philip Andreas.

MATRIX
(The Matrix, USA 1999, Regie: Lana und Lilly Wachowski)

Die Welt, wir wir sie sehen: eine bloße Simulation. Mit Baudrillard und Platon im Gepäck schufen die Regiegeschwister Wachowski kurz vor der Millenniumswende einen epochalen Cyberpunk-Alptraum. Der da wie Alice aus dem Wunderland seiner Pseudo-Wirklichkeit plumpst, heißt Neo ­– ein Anagramm von “One”. Analog zur christlichen Heilslehre wird Neo, der Auserwählte, zum hadernden Erlöser, der die in einer Scheinrealität dämmernde Menschheit vom Joch eines Rechnerregimes befreit, das sie als Bio-Ressource ausbeutet. Einflussreichere Science-Fiction hat es im Kino der letzten zwanzig Jahre nicht mehr gegeben.

Passend zum Beitrag legen wir Ihnen diese Konzerte ans Herz:

Wenn die letzte Klappe fällt: 10 mal Kino-Erlösung.

KRIEG DER STERNE
(Star Wars; USA 1977; Regie: George Lucas)
Der Sternenkrieg zwischen den wackeren Rebellen und den martialisch bemäntelten Dunkelmännern funktioniert deshalb so gut, weil er sich in großen Teilen als alternative Christusgeschichte lesen lässt. Der Erlöser mit dem himmlischen Namen heißt Luke Skywalker, sein Gegner ist das Imperium – nicht von ungefähr ein römischer Begriff –, und die Jedi-Ritter, denen er sich anschließt, ähneln einem Mönchsorden. Der Rest ist Kinogeschichte. In der sogenannten Prequel-Trilogie aus den Nullerjahren wird dasselbe Prinzip dann auf Lukes Vater Anakin übertragen: Auch er ist ein Heiland, nur endet er auf der dunklen Seite der Macht.

ANDREJ RUBLJOW
(Andrey Rublev; UdSSR 1966; Regie: Andrei Tarkovsky)
In eigentlich allen Filmen Tarkovskys geht es um die Hoffnung auf Erlösung, so auch in seiner Filmbiographie über einen russischen Ikonenmaler, der im 15. Jahrhundert, nach vielen Arbeitsjahren, in eine schwere Schaffenskrise gerät – ausgelöst auch durch mörderische Tatarenangriffe. Die Sequenz, in der er seine Kraft zurückgewinnt, gehört zu den großartigsten der Filmgeschichte: Rubljow wird Zeuge, wie unter der Leitung eines unerfahrenen jugendlichen Vorarbeiters eine große Glocke gegossen wird, was nach einigen Rückschlägen schließlich wundersam gelingt. Niemals wurde die Erlösung aus kreativer Starre in kraftvollere Bilder gefasst.

DAS MEER IN MIR
(Mar Adentro; Spanien 2004; Regie: Alejandro Amenábar)
Dieser bemerkenswert unkitschig inszenierte Film macht die Erlösung vom Joch einer schweren Krankheit begreiflich. Die Geschichte basiert auf einem wahren Fall: Im Alter von 25 Jahren brach sich der spanische Matrose Ramón Sampedro bei einem Tauchunfall das Genick, 30 Jahre lebte er danach noch, als Tetraplegiker gelähmt ans Bett gefesselt, bis er 1998 durch einen assistierten Suizid aus dem Leben schied. Seit seinem Unfall hatte er für das Recht auf aktive Sterbehilfe gekämpft, für ein Ableben “in Würde” – und vor Gericht verloren. So wird im Film der Tod der Hauptfigur paradoxerweise auch für den Zuschauer zur herbeigesehnten Erlösung.

BAD LIEUTENANT
(USA 1992; Regie: Abel Ferrara)
Harvey Keitel spielt eine der kaputtesten Figuren im US-Kino der Neunzigerjahre: Sein ›Lieutenant‹ ist ein Junkie und dealt mit harten Drogen, er ist spielsüchtig und verschuldet, er belästigt Minderjährige sexuell – und bricht unter seinem gigantischen Schuldkomplex zusammen. Als eine junge Nonne von zwei Gangstern vergewaltigt wird, sieht er die Chance, sich zu rehabilitieren und endlich so etwas wie Erlösung zu finden. Doch dafür muss er erst ein Prinzip begreifen, das ihm die Ordensfrau vorlebt: Vergebung. Verstörende Filmkost vom (katholischen) Regisseur Abel Ferrara.

ES WAR EINMAL
(La Belle et la Bête; Frankreich 1947; Regie: Jean Cocteau)
Das Volksmärchen stammt aus dem 18. Jahrhundert, verfilmt wurde es schon oft. Doch ganz egal, ob bei Disney oder als TV-Serie: ›Die Schöne und das Biest‹ erzählt eine der typischsten Erlösungsgeschichten unseres Geschichtenkanons – die von der symbolischen Verwandlung durch wahre Liebe. Erst durch die ehrliche Hingabe der ›Schönen‹ kann das Biest, das so lebenstraurig wie unheimlich über ein verwunschenes Schloss residiert, zum Menschen werden und mitsamt der neuen ›Königin‹ gen Himmel entschweben. Nie wurde diese Fantasie über bloße Äußerlichkeit und inneres Wesen poetischer erzählt als vom großen Surrealisten Cocteau.

THE DARK KNIGHT
(USA 2008; Regie: Christopher Nolan)
Die gängigste Erlösungsfantasie der heutigen Popkultur findet in den Superheldenfilmen statt, die die Spielpläne inzwischen fast im Wochentakt fluten. Wo das Vertrauen in die Lösungskräfte der Politik schwindet, wird die Vorstellung attraktiv, dass es die Spandex-Flattermänner und -frauen mit ihren Gadgets, Gimmicks und Spezialkräften richten sollen, wenn's um die Befreiung vom Bösen geht. Bestes Beispiel für diese Helden-Heilslehre ist der Mittelteil aus Christopher Nolans ›Batman‹-Trilogie, in der der Fledermausmann sich selbst und die Welt in einem physischen und psychischen Schlagabtausch mit dem fratzenfiesen ›Joker‹ erlöst.

FIGHT CLUB
(USA 1999; Regie: David Fincher)
Ende der Neunziger war die Befreiung aus selbstverschuldeter Verspießerung ein beherrschendes Kinothema. Neben Kevin Spacey in ›American Beauty‹ ist es in ›Fight Club‹ Edward Norton, der sich als unzuverlässiger Erzähler seiner angepassten Existenz entledigt. In David Finchers existenzphilosophischem Dresche-Drama wird das auf sehr schizophrene Art durchdekliniert: Die wilde, ungebundene, schließlich sogar terroristische Seite der Figur manifestiert sich als rauflustiges Über-Ich (Brad Pitt), von dem sich der Erzähler im verblüffenden Finale wiederum selbst retten muss: durch eine doppelte, postmodern-Freudsche Erlösungsgeste.

MAGNOLIA
(USA 1999; Regie: Paul Thomas Anderson)
In diesem vielstimmigen Ensemblefilm wimmelt es nur so von erlösungsbedürftigen Menschen, darunter ein im Sterben liegender TV-Patriarch, ein prekär gealtertes Wunderkind, ein drogen- und sexsüchtiges Missbrauchsopfer, ein gläubiger Polizist sowie ein misogyner Motivationstrainer (Tom Cruise). Im Lauf der Erzählung kommen manche von ihnen zumindest der Idee einer solchen Erlösung näher, den Rest erledigt erst der wohl aufregendste Deus ex Machina des modernen US-Films: ein biblischer Froschregen, der sich reinigend über das kalifornische San Fernando Valley ergießt und alle Konflikte unter seinem Glitsch begräbt.

DIE PASSION CHRISTI
(The Passion of the Christ; USA 2004; Regie: Mel Gibson)
Der Passionsweg Christi war Thema so manches Sandalenfilms und auch von Parodien wie ›Das Leben ist Brian‹, in dem es mit optimistischem Liedgut auf den Lippen dem Kreuzestod entgegenging. Nägel mit Köpfen machte aber erst Mel Gibson, der auf Aramäisch, Hebräisch und Latein den letzten Gang Jesu als antisemitisch grundierte Gewaltporno-Variante der Oberammergauer Passionsfestspiele inszenierte. Eines hat der gestrenge Katholik Gibson dabei begriffen: Je größer das Leid, desto größer die Erlösung. Für den gefolterten Heiland selbst – und auch für die Christenheit. Manchmal indes ist nichts erlösender als der Moment, in dem ein Film endlich vorbei ist.

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