zurück

Wie wir leben wollen –  7 Utopien zum Anfassen und Mitmachen

Es gibt sie noch: die gute alte Zukunft. Ob in der Musik, der Bildung oder im Konsum – überall auf der Welt entstehen kleine utopische Enklaven, die das Wünschenswerte nicht in der Ferne suchen, sondern hier im Jetzt leben. Wir haben uns ein paar davon aus der Nähe angesehen.

von Gian-Philip Andreas

Weg mit dem Taktstock, runter vom Podium! Ganz im Einklang mit den kollektivistischen Idealvorstellungen der frühen Sowjetunion wollten sich Lew Zeitlin und seine Mitstreiter keinem Dirigenten mehr unterordnen. Statt den Anweisungen eines solchen absolutistischen Chefs zu folgen, gründeten sie 1922 lieber das dirigentenlose Orchester „Persimfans“ (ein Akronym aus Pervyy simfonicheskiy ansambl', deutsch: Erstes Symphonisches Ensemble). Es war die Utopie eines herrschaftsfreien Musizierens.

Während der Konzerte saßen sich die Musiker im Kreis gegenüber, konzentriert achteten sie auf die Mimik der Kollegen. Voraussetzung dafür waren lange, akribische Probenphasen und exakte Absprachen, besonders in Tempofragen. Gespielt wurde vor allem dort, wo sich Arbeiter und Soldaten versammeln konnten, in Fabriken, Kasernen, Kantinen. Neben den Klassikern führte Persimfans regelmäßig auch moderne Stücke auf, sehr bald war das Ensemble international bekannt. Gern erzählt wird die Anekdote, wie Otto Klemperer einmal als Gastdirigent dabei war, indes mitten im Konzert den Taktstock niederlegte, sich ins Publikum setzte und mitverfolgte, wie Zeitlin und Co. ohne Qualitätsverlust weitermusizierten.

So ist das mit den Utopien: Wenn sie Wirklichkeit geworden sind, dann sind sie keine mehr.

Nach zehn Jahren war allerdings Schluss mit dem Experiment: Stalin war zum Chefdirigenten der Sowjetunion geworden und das Konzept des autoritären Herrschers längst wieder in Mode.

So ist das mit den Utopien: Wenn sie Wirklichkeit geworden sind, dann sind sie keine mehr. Zu denken sind sie nur als Fiktion, in zeitlicher oder räumlicher Ferne. Die doppelte Assoziation aber, dass eine „Utopie“ gleichzeitig eine fiktive und eine bessere, ideale Form der Gemeinschaft bezeichnet, kommt von Thomas Morus, der das Wort 1516 als Titel seines philosophischen Dialogs „Utopia“ in die abendländische Geistesgeschichte einführte. In englischer Ausprache klingen die griechischen Wörter „utopia“ (Nicht-Ort) und „eutopia“ (guter Ort) gleich.

Seit dieser ersten literarischen Sozialutopie, die die klosterfromme Idealgesellschaft einer entlegenen Insel beschrieb, gelten Utopien als erstrebenswert, aber unerreichbar. Natürlich hat sich die Menschheit trotzdem nie von ihren Versuchen abbringen lassen, diese besseren, ach was: idealen Gemeinschaften Wirklichkeit werden zu lassen. Das Scheitern gehört dazu, wie beim Persimfans. Im Folgenden stellen wir sieben historische und aktuelle Versuche gelebter Utopien vor – aus Gesellschaft, Architektur, Kunst und Religion.

1. Einer für alle, alle für einen: die Freistadt Christiana

Die Freistadt Christiana mitten in Kopenhagen ist der Sehnsuchtsort aller europäischen Hippies und Hausbesetzer. Auf einem verlassenen Areal des dänischen Militärs und den Überresten der alten Stadtbefestigung nahm eine Gruppe von Anhängern alternativer Lebenskonzepte 1971 die leerstehenden Kasernen in Beschlag und rief eine „autonome Republik“ aus. „Es ist die bis jetzt größte Chance, eine Gesellschaft von Null aufzubauen“, deklamierte ihr Sprecher Jacob Ludvigsen. „Das Ziel von Christiania ist das Erschaffen einer selbst-regierenden Gesellschaft, in der alle und jeder für sich und das Wohlergehen der gesamten Gemeinschaft verantwortlich ist.“

Damit verortete sich Christiania als eines jener sozialutopischen Projekte, wie sie spätestens ab den 1960er-Jahren vielerorts ausprobiert wurden. Eine alternative, bessere Gesellschaft im Kleinen zu entwerfen, das war auch das Ziel aller Hippie-Kommunen, Ashrams und Kibbuzim. Von den dänischen Behörden ist Christiania als „autonome Gemeinde“ mehr oder weniger freundlich geduldet worden, später auch deshalb, weil die Freistadt zur Touristenattraktion geworden war. 2011 entschlossen sich die inzwischen annähernd 1000 Bewohner dazu, einen Fonds aufzulegen, um das Land zu kaufen und die Besetzung zu legalisieren.

Es ist die bis jetzt größte Chance, eine Gesellschaft von Null aufzubauen.

Zur Alternativgesellschaft mit Meditation und Yoga, Plenum, eigenem Reglement, selbsttragender Versorgungsinfrastruktur und diversen Veranstaltungsorten gehörten immer auch schon die Drogen, zumindest leichte Drogen. Harte Drogen sind in Christiana ebenso verboten wie Waffen und jede Form von Gewalt. Die „Pusher Street“, die mitten durch die Freistadt führt, war jahrzehntelang Umschlagsort von Marihuana. Seit 2000 ist es allerdings immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen, sogar zu Morden gekommen, dahinter steckten Bandenkriminalität und Verteilungskämpfe. Nach einer Schießerei im Sommer 2016 wurden die Verkaufsstände in der Pusher Street niedergerissen – von den Anwohnern selbst. Diese Vorfälle sowie die touristische Kommerzialisierung des Areals sind Schönheitsfehler im Paradies: Sie lassen auch viele Bewohner zweifeln, ob Christiania noch immer so utopisch frei ist wie geplant.

2. Religion statt Technik: die Amischen

Religionen laufen häufig auf einen genuin utopischen Fluchtpunkt hinaus. Der christliche Himmel und der Garten Eden sind fundamentale Utopien der abendländischen Kulturgeschichte, sie stehen auf einer Stufe mit dem idyllischen Arkadien der Antike.

Für die protestantische Glaubensgemeinschaft der Amischen kommt vor dem himmlischen Idyll zunächst ein ideales Leben auf Erden. Für sie kann dies nur eines sein, das streng nach dem Neuen Testament ausgerichtet ist. Als radikalreformerische Täufergemeinschaft, deren Mitglied man nur durch Taufe und Bekenntnis im Erwachsenenalter werden kann, spalteten sich die Amischen im 17. Jahrhundert von den Mennoniten ab. Im 18. Jahrhundert sind die meisten von ihnen, oft auf der Flucht vor Verfolgung, in die USA ausgewandert. Andere schlossen sich wieder den Mennoniten an. In Europa gibt es keine Amischen mehr, heute siedeln sie als „Old Order Amish“ überwiegend in den US-Staaten Ohio, Pennsylvania und Indiana. Dort leben sie in vielen Punkten noch genauso wie früher im Elsass, in Süddeutschland und der Schweiz, in kleinen, landwirtschaftlich geprägten Dörfern. Selbst das „Pennsylvania Dutch“, einen pfälzischen Dialekt, pflegen sie wie eh und je.

Zuerst die Familie, dann die Gemeinde.

Die Lebensweise der Amischen ist streng anti-individualistisch ausgerichtet. Die Gemeinschaften, denen sie angehören, sind ihnen das Wichtigste: zuerst die Familie, dann die Gemeinde. Dazu gehören auch die Beschränkung auf schmucklose Kleidung und der Verzicht auf moderne Errungenschaften vom Traktor bis zur Waschmaschine (je nach Strenge der Gemeinde), auch weil diese den Wert der gemeinschaftlichen Arbeit herabsetzen. Die Amischen befolgen die sogenannte „Ordnung“, die ihr tägliches Leben regelt. Einer der Kernpunkte ist der absolute Verzicht auf jede Gewalt.

Die meisten Menschen könnten sich heute ein Leben wie das der Amischen nicht vorstellen. Die Utopie einer Gemeinschaft, die Vorstellung einer idealen Daseinsweise, liegt eben im Auge des Betrachters. Dennoch löst die rurale, dem Lärm der Moderne komplett entrückte Existenz der Amish People bei vielen gestressten Städtern längst wieder Bewunderung (und entsprechende Urlaubsangebote) aus. Und die Nische der Amischen wird nicht kleiner: Weil sie normalerweise sechs bis sieben Kinder pro Familie bekommen, gehören sie in den USA inzwischen zu den am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen.

3. Grundkurs Freidenken: das Black Mountain College

Das Black Mountain College war eine Utopie des interdisziplinären Denkens und Schaffens, gelegen an einem ungewöhnlichen Ort: mitten in den Blue Ridge Mountains im ländlichen North Carolina, lange bevor die internationalen Avantgarden in den 1960er-Jahren ihren Weg in der Popkultur fanden.

Am Black Mountain College wurden von 1933 bis 1957 Künste aller Gewerke ebenso gelehrt wie (Natur-)Wissenschaften, die Lehrenden waren frei in der Gestaltung ihrer Seminare und Workshops, Entscheidungen wurden basisdemokratisch gefällt, und die Studierenden (zur Hochphase waren stets etwa hundert eingeschrieben) wurden dazu ermuntert, fachübergreifend an Kursen teilzunehmen. Zunächst residierte das College in einer stattlichen Villa südlich von Black Mountain, später in selbsterrichteten neuen Räumen am Lake Eden. Viele herausragende Figuren des späteren 20. Jahrhunderts haben dort zumindest zeitweise studiert: die Künstler Cy Twombly und Robert Rauschenberg etwa, der Dichter Robert Creeley, die Designerin Deborah Sussman, der Regisseur Arthur Penn.

Studenten können nur von Lehrern zur Freiheit erzogen werden, die ihrerseits frei sind.

Gegründet wurde dieser aus heutiger Sicht bemerkenswert frei erscheinende Ort von John Andrew Rice, der in einem genialen Schachzug viele jüdische Exponenten der Avantgarde, die Nazi-Deutschland verlassen hatten, ans College holte. Josef und Anni Albers, die auf ihren Bauhaus-Forschungen aufbauten, gehörten zu den prägenden Figuren der ersten Black-Mountain-Jahre. Später lehrten dort von Walter Gropius über John Cage und Elaine de Kooning bis zu William Carlos Williams, Buckminster Fuller und Albert Einstein fast alle, die in dieser Zeit Rang und Namen in moderner Kunst und freiem Denken hatten.

Leitbild des Colleges war die progressive Learning-by-Doing-Pädagogik des US-Philosophen John Dewey, die mehr auf praktische Erfahrung setzt als auf bloßen Wissenserwerb. Lehrende und Studierende kümmerten sich im College auch um die Selbstverpflegung, ums Kulturprogramm und um die Feldarbeit. „Studenten können nur von Lehrern zur Freiheit erzogen werden, die ihrerseits frei sind“, sagte Rice zu seinem Konzept. Das ging ein Vierteljahrhundert lang gut, bis finanzielle Probleme dem College 1957 den Garaus machten. Bis heute aber gilt Black Mountain als Vorbild für alle progressiven (Kunst-)Bildungsinstitute, die nach ihm kamen.

4. Schlingensiefs letzter Traum: das Opernhaus Afrika

Den Ideen des Black Mountain College verwandt ist auch das Opernhaus Afrika, das seit 2009 in der Savanne von Burkina Faso entsteht, ganz in der Nähe der Hauptstadt Ouagadougou. Das Dorf war ursprünglich ein Herzensprojekt des Aktionskünstlers Christoph Schlingensief, der damit zwei Anliegen verfolgte: Erstens wollte er das klischeehafte, von Leid und Abhängigkeit bestimmte Bild korrigieren, das sich der Westen von Afrika gemacht hat, zweitens einen Ort schaffen, an dem Kreative und Wissenschaftler interkulturell und interdisziplinär in einen Austausch kommen, und zwar jenseits der üblichen Festivals in Europa oder den USA.

Schlingensief starb 2010 an Krebs, zuvor aber hatte er in Diébédo Francis Kéré einen Architekten kennengelernt, der kongenial dafür geeignet ist, dieses auf langfristige Erweiterung angelegte Projekt zu verwirklichen. Kéré hat an der TU Berlin studiert, stammt selbst aus Burkina Faso und ist seit Jahren auf nachhaltige Projekte spezialisiert, die eben nicht den gängigen Weg gehen und „westliche“ Ideen in Entwicklungsländer transplantieren wollen, sondern gezielt mit den Begebenheiten vor Ort operieren: mit den Ressourcen ebenso wie mit den Menschen.

„Kéré geht es darum, einen sozialen Organismus zu gestalten, ein soziales Ganzes, in dem das Leben gedeihen kann, der Mensch zur Produktivität animiert wird.“

Er verzichtet auf die üblichen Beton- und Glasbauten, die Stararchitekten sonst in exotische Landschaften pflanzen (und die dort kostspieliger Klimatisierung bedürfen), lieber setzt er auf vor Ort auffindbare Materialien. Als Anhänger partizipativen Bauens bezieht er Wünsche, Feedback und auch die Fertigkeiten der Bewohner mit ein, die vor Ort mit den Bauten leben, sie später eigenständig warten und die erworbenen Kenntnisse sogar für neue, eigene Gebäude einsetzen sollen: „Kéré geht es darum, einen sozialen Organismus zu gestalten, ein soziales Ganzes, in dem das Leben gedeihen kann, der Mensch zur Produktivität animiert wird“, heißt es im Sammelband „Innovation Stuntmen“, der neben Kéré noch einige andere Neuerer vorstellt, die sich den Herausforderungen unserer Zeit stellen.

Es ist ein fraglos utopisches Ansinnen, doch das Operndorf wächst und gedeiht. Die ersten beiden Bauphasen (Schule, Unterkünfte, Krankenstation) der Anlage sind beendet, als nächstes steht der Bau des Veranstaltungszentrums an, in dem, trotz des Projekttitels, nicht nur Opern aufgeführt werden sollen. Aber eben auch Opern.

5. Leben ohne Ende: Transhumanismus

Für manche ist es eine Horrorvorstellung, für andere der größte Traum: Zu den ewig aktuellen Utopien gehört die Unsterblichkeit. Doch was in früheren Jahrhunderten noch dem Märchenreich angehörte und später der Science Fiction, verliert durch den technischen Fortschritt immer mehr an Wirklichkeitsferne. Stammzellforschung, nanotechnische Verfahren, Anti-Aging-Medizin, das Klonen von Körperteilen, Kryonik – an all dem wird geforscht, in all das wird investiert.

Was dem Streben nach der Verlängerung des menschlichen Lebens zugrunde liegt, ist ein Denken, das den Alterungsprozess als eine Krankheit ansieht, die es zu bekämpfen gilt wie Krebs oder Heuschnupfen. Besonders die High-Tech-Propheten aus dem Silicon Valley, die für alles eine Lösung haben wollen, treten dieser ultimativen narzisstischen Kränkung entgegen: dass wir alle einmal welk werden und sterben müssen. Tesla-Gründer Elon Musk und Google-Futurist Ray Kurzweil etwa sind bekennende Anhänger des „Transhumanismus“, also des Strebens danach, dass sich Geist und Körper mittels Technologie immer weiter optimieren lassen.

„Dabei können sich ältere Menschen für schlappe 8.000 Dollar pro Sitzung Fremdblut von Teenagern spritzen lassen.”

Am weitesten getrieben hat das, wenn man den beharrlichen Gerüchten amerikanischer Tech-Blogs Glauben schenken möchte, der milliardenschwere Investor und Donald-Trump-Unterstützer Peter Thiel. Er unterstützt, so heißt es, das Unternehmen „Ambrosia“, das sogenannte Parabiosen anbietet. Dabei können sich ältere Menschen für schlappe 8.000 Dollar pro Sitzung Fremdblut von Teenagern spritzen lassen. Das Verfahren wurde bislang vor allem an Ratten erfolgreich getestet, aber, so sagt es die Firma, auch bei ihren menschlichen Probanden habe sich schon manch graues Haar zurückgeschwärzt.

Ob Thiel an dieser vampiresken Verjüngungskur tatsächlich teilnimmt, ist nicht gesichert. Ethisch hoch umstritten sind allerdings auch die meisten anderen Bereiche des Transhumanismus: von gentechnischer Veränderung der menschlichen DNA über den Wunsch nach der Überwindung der Geschlechter bis hin zum mind uploading, bei dem der menschliche Geist in eine Maschine verpflanzt werden soll, um so Unsterblichkeit zu erreichen. Falls niemand den Stecker zieht.

Transhumanistisches Denken geht über das Konzept der Utopie hinaus. Denn eine perfekte utopische Gesellschaft hat keinen Bedarf (mehr), sich zu verbessern – eine Selbstbescheidung, die echten Fans des human enhancement natürlich denkbar fernliegt. Ihre Gegner dagegen, die eine Gesellschaft heraufziehen sehen, in der der Grad der persönlichen Unsterblichkeitsnähe von der Größe des Geldbeutels abhängt, fürchten eher den Weg in das Gegenteil aller Utopien: in die Dystopie.

6. Welt ohne Plastik: Familie Krautwaschl-Rabensteiner.

In einer Welt aus Überfluss ist ein Leben in Reduktion vielleicht die radikalste denkbare Utopie. In den letzten Jahren erschienen jede Menge Bücher, in denen sich Autoren kasteienden Selbstversuchen unterzogen. Ein ganzes Jahr ohne Auto! Einen grausamen Monat lang auf Smartphone und Internet verzichten!

Oder der Versuch, ohne Plastik zu leben. Von der Familie Krautwaschl-Rabensteiner aus der österreichischen Steiermark war in verschiedenen Zeitungen zu lesen, das Interesse war so groß, dass die Mutter, Sandra Krautwaschl, sogar das Buch „Plastikfreie Zone“ hinterherschob, in dem sie erläuterte, wie ihre Familie das geschafft hatte, fast ganz ohne Kunststoff zu leben. „Fast“ – diese Einschränkung ist wichtig, denn ganz ohne, das wäre heutzutage ein Ding der Unmöglichkeit. Man müsste auf Wasch- und Spülmaschine verzichten, aufs Auto sowieso. Immerhin flog vom Kosmetikdöschen über die Plastikbecher bis zum Großteil des Kinderspielzeugs alles raus. Der Alltag der Familie wurde zum Hindernisparcours entlang der Leitfrage: Was kann man wie kunststofffrei ersetzen?

Immerhin flog vom Kosmetikdöschen über die Plastikbecher bis zum Großteil des Kinderspielzeugs alles raus.

Auslöser dieser forcierten Selbstbescheidung war für die Krautwaschls der Kino-Dokumentarfilm „Plastic Planet“, der in bedrückenden Bildern von der Kunststoffverpestung der Erde und Ozeane berichtet. Er ist nur einer von vielen Filmen und Büchern, die seit Jahren über die Vermüllung aufklären. Parallel dazu gibt es immer mehr Initiativen, die ihr tatkräftig entgegenwirken wollen, zum Beispiel „Zero Waste Shops“ wie das „Original Unverpackt“ in Berlin, in dem Lebensmittel nicht plastikverpackt vorrätig gehalten, sondern von den Kunden in mitgebrachte Behältnisse gefüllt werden.

Zumindest in den Großstädten hat sich zudem eine vitale „Sharing Economy“ gebildet. Auf Tauschpartys, in Swap-Shops und auf Schenkflohmärkten wechseln da vor allem Secondhand-Klamotten die Besitzer. Doch werden sie nicht gegen Geld getauscht, sondern gegen andere Kleidungsstücke. Das Ziel ist die Müllvermeidung, doch gleichzeitig wird der Kleiderschrank vor Überfüllung bewahrt. Ein bisschen dürfte es bei den Teilnehmern da natürlich auch um das beruhigende Gefühl gehen, etwas Sinnvolles und Nachhaltiges zu tun: Der Übergang von der Idee eines utopisch reduzierten Leben zum Lifestyle-Gag, der in der nächsten Saison schon wieder passé sein mag, ist fließend.

7. Konsumieren demokratisieren: The people´s supermarket

Zum Schluss der Blick auf eine ökonomische Organisationsform, die sehr alt ist, aber gerade neu entdeckt wird: die Kooperative. Sie funktioniert ähnlich wie Persimfans, das dirigentenlose Orchester aus der Sowjetunion: Man musiziert gemeinsam und ist gemeinsam Chef. In diesem Fall kauft man zusammen ein, was man gemeinsam wieder verkauft – ohne Geschäftsführer. Es geht um Nahrungsmittel.

Inspiriert durch den großen Erfolg der New Yorker „Park Slope Food Corp.“, die es seit 1973 gibt, gründete der britische Koch Arthur Potts Dawson im Jahr 2010 den Londoner „People's Supermarket“. Das Prinzip ist dasselbe: 25 britische Pfund kostet die Mitgliedschaft im Jahr, jedes Mitglied muss vier Stunden im Monat im Laden arbeiten, im Austausch gibt es zehn Prozent Rabatt auf die eigenen Einkäufe. Jedes Mitglied darf und soll zudem mit darüber entscheiden, welche Produkte verkauft werden und was sonst noch mit dem Laden geschehen soll. Klingt utopisch, funktioniert aber. Längst machen mehr als 200 Mitglieder mit.

Es geht darum, „die Macht von Einkaufsmonopolen zu brechen und wieder ein Stück Kontrolle über das eigene Leben zu erlangen.“

Potts Dawson reagierte mit dem „People's Supermarket“ auf die eigene Verbitterung nach ersten Arbeitsjahren in der Gastronomie. Er hatte die Preistreiberei der Supermarktketten bemerkt, den Kampf kleinerer Zulieferer aus der Landwirtschaft und den Verzicht vieler Supermärkte auf regionales Obst und Gemüse. Im Kooperativenprojekt liegen die Prioritäten dagegen genau in diesem Bereich: lokale Zulieferer und gesunde Produkte, die nicht um die halbe Welt gereist sind. Es geht darum, „die Macht von Einkaufsmonopolen zu brechen und wieder ein Stück Kontrolle über das eigene Leben zu erlangen“, heißt es im Band „Innovation Stuntmen“, in dem der Ex-Lehrling von Jamie Oliver als Unternehmer eines neuen Community-Gedankens gewürdigt wird. Klar, nicht jeder Gründer einer Kooperative kann darüber eine Fernsehdoku drehen lassen, so wie Promi Potts Dawson dies tun ließ. Prinzipiell aber steht die Methode allen offen.

 

Literatur-Tipp:

Stefan Scheer, Tim Turiak: Innovation Stuntmen. Menschen, die unsere Welt neu erfinden. Campus Verlag, 2013.

 

zurück