Mahler: Lieder aus »Des Knaben Wunderhorn«

Musik und Lyrik – selten wurden beide Gattungen so gelungen miteinander vereint wie in Mahlers Vertonungen einzelner Werke aus der Gedichtsammlung »Des Knaben Wunderhorn«. Clemens Brentano und Achim von Arnim hatten die Sammlung als Dokumentation deutscher Volkspoesie zwischen 1805 und 1808 zusammengetragen. Und schon Goethe empfahl: »Von Rechts wegen sollte dieses Büchlein in jedem Hause, wo frische Menschen wohnen, zu finden sein.« Mahler folgte nicht nur der Empfehlung des Dichterfürsten, sondern handhabte die Sammlung geradezu wie eine Art Bibel. Sein enger Wegbegleiter, der Komponist und Dirigent Bruno Walter, beschreibt ihre Bedeutung für ihn eindrücklich: »Als er dann ›Des Knaben Wunderhorn‹ kennenlernte, muss ihm gewesen sein, als entdecke er seine Heimat. Alles fand er darin, was seine Seele bewegte, und fand es ebenso dargestellt, wie er es fühlte: Natur, Frömmigkeit, Sehnsucht, Liebe, Abschied, Tod, Geisterwesen, Landknechtsart, Jugendfrohsinn, Kinderscherz, krauser Humor. All das lebte in ihm wie in den Dichtungen, und so strömten seine Lieder hervor.«

Mahler vertonte die Gedichte nicht nur, sondern schrieb sie auch um. Ganze Passagen und Strophen ersetzte er durch eigene Worte oder Verse. Zunächst schrieb er neun Klavierlieder, später orchestrierte er sie. 24 Lieder entstanden so in 15 Jahren. Ihr Einfluss auf sein gesamtes Oeuvre kann nicht hoch genug eingeschätzt werden: Nichts Geringeres als »seinen Ton« soll er in den Gedichten gefunden haben, bis in sein symphonisches Schaffen ist ihr Einfluss erkennbar. So nutzt Mahler in den Instrumentalsätzen der zweiten, dritten und vierten Symphonie etwa Material aus den Orchesterliedern und integriert zusätzlich drei Gedichte in Liedform.

Inhaltlich zeichnen die Wunderhorn-Lieder ein ungeschöntes Abbild der Welt mit all ihren Brüchen und all ihrer Tragik, aber auch mit jeder Menge Humor. Immer wieder geht es um Liebe und Liebesschmerz wie zum Beispiel in »Verlorne Müh’!« und »Wer hat dies Liedel erdacht?« sowie um Zerrissenheit und die Launen des Schicksals wie im »Rheinlegendchen«. Von naiv anmutenden Kinderszenen über grausame Soldatenlieder bis hin zu metaphysischen Jenseitsreflexionen wie sie in »Urlicht« besungen werden, beschreiben sie das Menschsein in unterschiedlichsten Facetten. In »Wo die schönen Trompeten blasen« wiederum verwebt Mahler die Hauptthemen Liebe, Krieg und Tod miteinander. Insgesamt zeichnet sich in den Wunderhornliedern bereits die vorherrschende Stimmung seines Spätwerks ab. Mahler zeigt sich hier bereits als der »Weltschmerz-Komponist«, der mit jedem seiner Werke stets eins versuchte: Das Leiden an der Welt in Musik zu setzen.

Liedfolge:
»Rheinlegendchen« (3:30 Min.)
»Wo die schönen Trompeten blasen« (8 Min.)
»Wer hat dies Liedel erdacht?« (2 Min.)
»Verlorne Müh’!« (3 Min.)
»Urlicht« (5 Min.)

Rheinlegendchen
Bald gras ich am Neckar,
Bald gras ich am Rhein,
Bald hab ich ein Schätzel,
Bald bin ich allein.
Was hilft mir das Grasen,
Wenn d’Sichel nicht schneidt,
Was hilft mir ein Schätzel,
Wenn’s bei mir nicht bleibt.
So soll ich denn grasen
Am Neckar, am Rhein,
So werf ich mein goldenes
Ringlein hinein.
Es fließet im Neckar
Und fließet im Rhein,
Soll schwimmen hinunter
Ins Meer tief hinein.
Und schwimmt es das Ringlein,
So frißt es ein Fisch,
Das Fischlein soll kommen
Aufs Königs sein Tisch!
Der König tät fragen,
Wems Ringlein sollt sein?
Da tät mein Schatz sagen,
Das Ringlein g’hört mein.
Mein Schätzlein tät springen,
Berg auf und Berg ein,
Tät mir wiedrum bringen
Das Goldringlein fein.
Kannst grasen am Neckar,
Kannst grasen am Rhein,
Wirf du mir nur immer
Dein Ringlein hinein.

 

Wo die schönen Trompeten blasen
Wer ist denn draußen und wer klopfet an,
Der mich so leise, so leise wecken kann?
Das ist der Herzallerliebste dein,
Steh auf und lass mich zu dir ein!

Was soll ich hier nun länger steh‘n?
Ich seh die Morgenröt aufgeh‘n,
Die Morgenröt, zwei helle Stern,
Bei meinem Schatz, da wär ich gern,
bei meiner Herzallerliebsten.

Das Mädchen stand auf und ließ ihn ein;
Sie heißt ihn auch willkommen sein.
Willkommen, lieber Knabe mein,
So lang hast du gestanden!

Sie reicht ihm auch die schneeweiße Hand.
Von Ferne sang die Nachtigall
Das Mädchen fing zu weinen an.

Ach weine nicht, du Liebste mein,
Aufs Jahr sollst du mein eigen sein.
Mein Eigen sollst du werden gewiss,
Wie's keine sonst auf Erden ist.
O Lieb auf grüner Erden.

Ich zieh in Krieg auf grüner Heid,
Die grüne Heide, die ist so weit.
Allwo dort die schönen Trompeten blasen,
Da ist mein Haus, von grünem Rasen.

 

Wer hat dies Liedel erdacht?
Dort oben in dem hohen Haus,
Da gucket ein fein's, lieb's Mädel heraus,
Es ist nicht dort daheime,
Es ist des Wirts sein Töchterlein,
Es wohnt auf grüner Heide.

»Mein Herze ist wund,
Komm, Schätzel, machs gesund.
Dein schwarzbraune Äuglein,
Die haben mich verwundt.

Dein rosiger Mund
Macht Herzen gesund.
Macht Jugend verständig,
Macht Tote lebendig,
Macht Kranke gesund.«

Wer hat denn das schöne Liedlein erdacht?
Es haben's drei Gäns übers Wasser gebracht,
Zwei graue und eine weiße;
Und wer das Liedlein nicht singen kann,
Dem wollen sie es pfeifen.

 

Verlorne Müh‘
SIE
Büble, wir wollen ausse gehe,
Wollen wir? Unsere Lämmer besehe,
Komm, liebs Büberle,
Komm, ich bitt.

ER
Närrisches Dinterle,
Ich geh dir halt nit!

SIE
Willst vielleicht ä Bissel nasche,
Hol dir was aus meiner Tasch;
Hol, liebs Büberle,
Hol, ich bitt.

ER
Närrisches Dinterle,
Ich nasch' dir halt nit.

SIE
Gelt, ich soll mein Herz dir schenke,
Immer willst an mich gedenke;
Nimms, Liebs Büberle!
Nimms, ich bitt.

ER
Närrisches Dinterle,
Ich mag es halt nit!

 

Urlicht
O Röschen rot!

Der Mensch liegt in größter Not,
Der Mensch liegt in größter Pein,
Je lieber möcht ich im Himmel sein.

Da kam ich auf einen breiten Weg,
Da kam ein Engellein und wollt mich abweisen,
Ach nein ich lies mich nicht abweisen.
Ich bin von Gott und will wieder zu Gott,
Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben,
Wird leuchten mir bis an das ewig selig Leben.

 

Foto: Gustav Mahler (c) Ullstein Bild