Johannes Brahms: Variationen über ein Thema von Haydn

Im Jahr 1870 besuchte Johannes Brahms den Haydn-Forscher Carl Ferdinand Pohl, der in der Wiener Philharmonischen Gesellschaft an einer Haydn-Biographie arbeitete. Pohl machte Brahms auf das Manuskript eines Divertimentos mit der Überschrift „Chorale St. Antoni“ aufmerksam, das Haydn zugeschrieben wurde, dessen wahre Autorschaft aber bis heute ungesichert ist. Fest steht immerhin, dass der Komponist hier ein bekanntes österreichisches Pilger- oder Wallfahrerlied verarbeitet. Brahms war so fasziniert von der Musik, die er dort las, dass er sie sich sofort abschrieb. Was hatte ihn „infiziert“?

Zu vermuten ist, dass der ungewöhnliche Bau des Hauptthemas seine Fantasie entzündet hat. Dieses nämlich besteht aus zwei fünftaktigen Hälften, und obschon das Thema in sich „rund“ klingt, ist für das klassisch geschulte Ohr gleichsam eine Asymmetrie ins Hörerlebnis eingebaut. Denn zu den zentralen Merkmalen der Wiener klassischen Musik gehört es ja, dass ihre Melodien, Themen und ganzen Formteile in der Regel aus zwei-, vier- oder achttaktigen Sinneinheiten gebildet sind. Nun war erstens Haydn ein Schelm, der es liebte, musikalische „Regeln“, die er selbst standardisiert hatte, lustvoll zu brechen, und war zweitens Brahms im besten Sinne ein musikalischer „Arbeiter“, der lieber aus einer kleinen interessanten Zelle unendlich viel und Unerwartetes machte, als dass er einen melodischen Einfall an den anderen reihte. Da hatten sich zwei Brüder im Geiste gefunden.

Für Brahms war Haydns Thema eine Steilvorlage. Es inspirierte ihn zu einem Variations-Zyklus, der – 1873 entstanden – eine Art Vorstufe seines symphonischen Œuvres ist, zugleich aber auch exemplarisch für sein Komponieren überhaupt: Detailreichtum, Dichte der motivischen Arbeit und einer zwingende, auf Steigerung angelegte musikalische Dramaturgie – das ist die Melange, die sich in jedem seiner großformatigen Werke findet.

Der in gewissen Kreisen als reaktionär verschriene Brahms fand mit diesem und anderen Variationszyklen sogar die Anerkennung Wagners und Schönbergs und inspirierte so manchen „Modernen“ zu ähnlich gestrickten Werken.

Johannes Brahms, Variationen über ein Thema von Joseph Haydn B-dur op. 56a
Länge: 19 Min.