Adam Fischer hält eine Rede beim Menschenrechtskonzert 2026

Laudatio von Adam Fischer

Verleihung des Menschenrechtspreises der Tonhalle Düsseldorf 2026 an die sudanesische Frauenrechtlerin Salwa Elsadik und eines Solidaritätspreises an den Künstler Jacques Tilly am 29. März 2026

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Hinkel, 
sehr geehrte Gäste, 
liebes Publikum! 

Als wir uns vor einigen Wochen intensiv mit der Frage beschäftigt haben, wen wir 2026 mit dem Menschenrechtspreis der Tonhalle Düsseldorf auszeichnen möchten, waren die Nachrichten voll vom russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und dem Krieg in Gaza. Heute beherrscht der Krieg zwischen Iran, Israel und den USA und die fürchterliche Eskalation im Nahen Osten die Schlagzeilen – angezettelt von einem US-Präsidenten, der damit prahlt, Ziele “just for fun” angreifen zu können. 

Vom Sudan spricht niemand.  

Es liegt mir fern, Kriege und das aus ihnen resultierende Leid der Menschen miteinander zu vergleichen. Aber es ist eine Tatsache, dass viele militärische Konflikte auf der Welt von der westlichen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Im Sudan herrscht seit drei Jahren ein mörderischer Bürgerkrieg, der in den internationalen Medien verhältnismäßig wenig Beachtung findet. Ich möchte mit der diesjährigen Verleihung des Menschenrechtspreises etwas mehr Aufmerksamkeit auf diesen vergessenen Krieg lenken.  

Die Vereinten Nationen bezeichnen die Lage im Sudan als die derzeit größte humanitäre Katastrophe weltweit. Laut UN-Angaben waren dort zu Beginn dieses Jahres schätzungsweise 34 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, das entspricht etwa zwei Dritteln der Bevölkerung. Das Land steht nicht nur am Rande einer Hungersnot, internationale Beobachter sehen Anzeichen für einen Genozid. Unvorstellbare 12 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht. Es gibt Berichte über Massenhinrichtungen, Massenvergewaltigungen und Zwangsvertreibungen. Die sudanesische Zivilbevölkerung ist massiver Gewalt ausgesetzt, insbesondere Frauen und Mädchen. Gleichzeitig ist der Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und Justiz in vielen Gebieten zusammengebrochen. Frauen sind heute oft die Haushaltsvorstände und tragen die Verantwortung für Kinder und ältere Verwandte, ohne Einkommen, Schutz oder grundlegende Versorgung. Die Kombination aus Krieg, Hunger und Vertreibung führt zu einer vielschichtigen Menschenrechtskrise, von der Frauen und Mädchen unverhältnismäßig stark betroffen sind.  

Salwa Elsadik engagiert sich seit über zehn Jahren für die Frauen und Mädchen im Sudan. Sie gründete und leitet die Women Advocacy and Development Initiative, kurz WADI, die gemeinsam mit lokalen, von Frauen geleiteten Teams an vorderster Front humanitäre Hilfe leistet. Seit die staatlichen Institutionen im Sudan zusammengebrochen sind und die internationale Entwicklungshilfe etwa von US Aid stark reduziert oder gänzlich ausgesetzt wurde, übernehmen lokale Frauenorganisationen wie WADI eine zentrale Rolle bei der Versorgung der Bevölkerung. Das betrifft Zugang zu Nahrung, sauberem Wasser und Hygieneartikeln, die Bereitstellung von Notunterkünften, aber auch psychologische und juristische Hilfe für Opfer von Gewalt. Darüber hinaus betreibt WADI elementare Gesundheitsdienste und informelle Bildungsangebote für Frauen und Kinder, die durch Krieg und Vertreibung aus ihrem Alltag gerissen wurden. 

Salwa Elsadik ist Sudanesin und besitzt zusätzlich die niederländische Staatsbürgerschaft, weil sie in den Niederlanden studiert und gearbeitet hat, als in ihrem Heimatland der Bürgerkrieg ausbrach. Dennoch verbringt sie die meiste Zeit im Sudan. Ihr Leben zwischen Den Haag und Dafur bedeutet für sie sowohl Sicherheit als auch Verantwortung. Aus der Ferne arbeitet sie mit internationalen Organisationen und UN-Agenturen zusammen und vertritt die Rechte sudanesischer Frauen in regionalen und globalen Foren. Und dann lebt sie wieder mitten unter den Menschen im Sudan, teilt ihre Ängste, ihre Widerstandsfähigkeit und ihre täglichen Kämpfe. Trotz Gewalt und politischer Instabilität setzt sich Salwa Elsadik unermüdlich für Frieden, Gleichberechtigung und Menschenrechte ein. Ich freue mich sehr, dass wir ihr bewundernswertes Engagement zumindest etwas sichtbar machen, indem wir sie mit dem Menschenrechtspreis der Tonhalle 2026 auszeichnen. Sie ist eine mehr als würdige Preisträgerin! 

Der Menschenrechtspreis ist mit 10.000 Euro dotiert. Ich bin dem Freundeskreis der Tonhalle und der Stadtsparkasse Düsseldorf zutiefst dankbar, dass sie das Preisgeld stiften. Diese großzügige Spende wird der wichtigen Arbeit von Salwa Elsadik und ihrer Organisation WADI zugutekommen und viel Gutes bewirken.  

Salwa Elsadiks Arbeit im Sudan bleibt vor den Augen der Weltöffentlichkeit verborgen, was man von der Kunst Jacques Tillys nun wahrlich nicht behaupten kann. Die politischen Mottowagen, die er mit seinem Team alljährlich für den Düsseldorfer Rosenmontagszug baut, lösen stets ein breites Medienecho aus und bekommen viel internationale Aufmerksamkeit. Seine Karnevalswagen greifen aktuelle politische Ereignisse auf und übersetzen sie in klare, satirisch zugespitzte, bisweilen provokante Bilder. Dabei macht er auch vor Despoten nicht Halt. Tillys Botschaften sind auch ohne viele Worte auf der ganzen Welt sofort verständlich. 

Tilly arbeitet seit 1983 als Wagenbauer, seit mehr als 40 Jahren genießt er Narrenfreiheit. Schon im Mittelalter hatten Hofnarren das Privileg, den Herrschenden den Spiegel vorzuhalten und sie in satirischer Form zu kritisieren. Offenbar hatten die absolutistischen Fürsten des 16. Jahrhunderts aber mehr Humor als Putin: Der russische Präsident ließ im vergangenen Dezember Jacques Tilly anklagen – offiziell wegen „Verunglimpfung der russischen Staatsorgane und Verbreitung von Falschinformationen über die Armee“, inoffiziell, weil ihm Tillys bissigen Anti-Putin-Karnevalswagen ein Dorn im Auge sind. Im Falle einer Verurteilung droht Tilly eine Geldstrafe oder sogar bis zu zehn Jahre Haft. 

Zweck dieses Scheinprozesses ist die Einschüchterung – nicht nur von Tilly, sondern von allen, die das autoritäre Regime in Russland kritisieren. Putin greift mit seiner Anklage gegen Tilly uns alle an und unsere demokratische Kultur. Nicht nur Jacques Tilly als Person wird bedroht, es ist ein Angriff auf fundamentale Menschenrechte wie die Meinungsfreiheit und die Kunstfreiheit. 

Daher haben wir uns entschieden, dieses Jahr nicht nur Salwa Elsadik auszuzeichnen, sondern zusätzlich Jacques Tilly einen Solidaritätspreis zu verleihen. Wir können seinen Einsatz für die Meinungsfreiheit und die Demokratie nicht genug wertschätzen. Als Künstler fühle ich mich besonders verpflichtet, gegen die Verfolgung von Künstlern aufstehen. Ich bewundere die Klarheit und Entschiedenheit von Jacques Tilly und seiner Kunst. Sie gehört geschützt, nicht angeklagt! 

Und nun freue ich mich sehr, Salwa Elsadik und Jacques Tilly ihre Preise überreichen zu dürfen. – Please join me on stage! 

(Die Rede hielt Adam Fischer am 29. März 2026 im Rahmen des Menschenrechtskonzerts in der Tonhalle Düsseldorf.)