Brahms: 6 Choralvorspiele aus op. 122

Brahms: 6 Choralvorspiele aus op. 122

Marita Ingenhoven
+49 (211) 91387553
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Brahms war ein Agnostiker, der jeden Tag in der Bibel las. Schon das Finale seiner Ersten Symphonie von 1876 mündete bekanntlich in einen Choral. Doch als er im Frühsommer 1896 die »Elf Choralvorspiele« op. 122 komponierte, war das eine Rückkehr zur Orgel nach rund vierzig Jahren. Im Anschluss an Clara Schumanns Begräbnis hatte er im Mai 1896 einige Choralvorspiele vor einem kleinen Kreis von Freunden gespielt. Sein letztes Werk, das er in den Wochen darauf zusammenstellte, wendet sich noch einmal der objektivierten Form zu, es sucht Halt bei kontrapunktischer Ordnung und Jahrhunderte alten Chorälen. Brahms bekennt sich zur Traditionslinie protestantischer Kirchenmusik: Bach war über der Komposition des Choralvorspiels »Vor deinen Thron tret’ ich hiermit« gestorben, wie Philipp Spitta, ein guter Bekannter des Komponisten, in seiner Biographie berichtete. Brahms eigene Choralvorspiele orientieren sich am Modell von Bachs „Orgelbüchlein“. Die Kirchenmelodien erscheinen meist ohne Verzierung und in nur einer Durchführung im Diskant, die Motivik der Umspielungen wird gern von der Choralmelodie abgeleitet.

Sechs der insgesamt elf Choralvorspiele hat Ferruccio Busoni für Klavier bearbeitet und in Brahms Todesjahr 1897 veröffentlicht. Gleich zwei Vorspiele zu dem Sterbechoral »Herzlich thut mich verlangen« umfasst Brahms’ Sammlung, das eine drängend und düster, das andere leise pochend und melancholisch. Den Abschluss des Zyklus’ bildet die zweite Bearbeitung von »O Welt, ich muss dich lassen«. Das feierliche Ende lässt dann doch noch Ergebenheit erkennen. »Mein' Geist will ich aufgeben, dazu mein' Leib und Leben legen in Gottes gnädig Hand.« Brahms bettet die Choralzeilen in einen schweren, vielstimmig-warmen Satz ein. Jede Zeile verhallt in einem doppelten Echo. Dem Forte antwortet das Piano, dem Piano das Pianissimo. Die Seufzer der letzten Takte unterstreichen dieses wehmütige Adieu. Das Vergehen des Klangs als Chiffre der Vergänglichkeit? Vielleicht ist es das, worum es in der Musik recht eigentlich geht.

Text: Anselm Cybinski

Johannes Brahms (arr. Ferruccio Busoni): Sechs Choralvorspiele aus op. 122
Länge: ca. 16 Min.