
Musik ist die wahrscheinlich internationalste aller Künste und kann beim Kampf gegen Nationalismus und Intoleranz helfen. Adam Fischer zählt es zu seinen Aufgaben als Künstler, sich gegen Fremdenhass und Rassismus einzusetzen, und ist ein leidenschaftlicher Verfechter von Freiheit und Menschenrechten. Unser Principal Conductor nutzt seine Erfolge als einer der wichtigsten Dirigenten unserer Zeit und die daraus resultierende internationale Öffentlichkeit regelmäßig für wichtige Botschaften zu Humanität und Demokratie. Der gebürtige Ungar erhielt für dieses Engagement u. a. den renommierten Wolf-Prize der gleichnamigen Stiftung in Jerusalem und die Gold Medal in the Arts vom John F. Kennedy Center for the Performing Arts, Washington. Seit mehr als 20 Jahren ist er Mitglied des Helsinki Committee for Human Rights, und er hat bei seinem Amtsantritt in Düsseldorf den Menschenrechtspreis der Tonhalle Düsseldorf ins Leben gerufen, der seitdem jedes Jahr eine Person oder Organisation verliehen wird, die sich im besonderen Maße für die Menschenrechte einsetzt. Die Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert und wird vom Freundeskreis der Tonhalle und der Stadtsparkasse Düsseldorf gestiftet. Ein Gespräch mit Adam Fischer über die Beweggründe für sein humanitäres Engagement.

Warum engagieren Sie sich so hingebungsvoll für die Menschenrechte?
Adam Fischer Für mich ist das eine sehr persönliche Angelegenheit, weil ich als Migrant in meine berufliche Karriere gestartet bin. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man nicht aus Spaß die Heimat verlässt. Und dass es Migrantinnen und Migranten sehr, sehr schwer haben. Ich war in einer begnadeten Situation, als ich Ende der 1960er-Jahre Budapest verließ, um in Wien bei Hans Swarowsky Dirigieren zu studieren. Das war zu einer Zeit, als wir alle akzeptiert waren und mir jede Chance geboten wurde. Und trotzdem war das ganz schlimm! Ich kann mir vorstellen, dass es für die, die heute ihr Heimatland verlassen, wirklich furchtbar sein muss. Das ahnen wir gar nicht. Jeder noch so kleine Schritt in einer Gesellschaft, in der man sich nicht auskennt, ist bedrohlich. Ich will jenen helfen, die genauso sind wie ich, die aber weniger Glück hatten im Leben. Das ist eine Art innere Motivation. Und ich hoffe, dass auch andere Migranten, die in einer neuen Heimat erfolgreich geworden sind, ihre Mitmenschen mit ähnlicher Geschichte nicht vergessen.
Die Verleihung eines Menschenrechtspreises als gemeinsames gesellschaftliches Engagement eines Konzerthauses und seines Ersten Konzertdirigenten ist in Deutschland beispiellos. War die Etablierung schwierig?
Adam Fischer Überhaupt nicht. Als ich anfing in Düsseldorf, dachte ich nicht, dass man eine derartige Initiative an einer städtischen Institution machen kann. Ich darf in meiner künstlerischen Arbeit nicht nach der politischen Ausrichtung urteilen, ich müsste auch AfD-Mitglieder im Orchester akzeptieren. Aber umso glücklicher bin ich, dass ich eines Besseren belehrt wurde und die Verleihung des Menschenrechtspreises hier an der Tonhalle möglich ist und vom ganzen Tonhallen-Team, vom Orchester und vom Freundeskreis so engagiert unterstützt wird.
Welche Preisträger sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Adam Fischer Leider bleiben vor allem die in Erinnerung, denen wir den Menschenrechtspreis nicht geben konnten. Es gibt so viele Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtler überall auf der Welt, die die Auszeichnung verdient hätten.
Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand der Menschenrechte?
Adam Fischer Ich glaube nicht, dass wir die Welt erlösen können mit unserer Initiative. Es kommen gerade dunkle Wolken auf uns zu. Aber da würde ich ein Sprichwort zitieren: »Ein Gentleman engagiert sich nur für verlorene Sachen!« Die Herausforderungen der heutigen Zeit bestärken mich in dem Gefühl, weitermachen zu müssen, nicht mutlos zu werden und mein Engagement für die Menschenrechte fortzusetzen.
DIE PREISTRÄGERINNEN UND PREISTRÄGER 2016 — 2025

2016
ÄRZTE OHNE GRENZEN
Die internationale Hilfsorganisation leistet in Krisen- und Kriegsgebieten in mehr als 60 Ländern medizinische Nothilfe. Zum Zeitpunkt der Verleihung bekam die Auswahl des Preisträgers eine ungeahnte Aktualität: Dutzende Einrichtungen der »Médecins Sans Frontières« in Syrien wurden angegriffen, auch im Jemen und Irak wurden Kliniken und Helferinnen und Helfer zur Zielscheibe.
2017
GEMEINDE VON LESBOS
Mit ihrer Solidarität bewiesen die Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde der griechischen Insel 2017 große Menschlichkeit: Im Zentrum der täglichen Arbeit des Flüchtlingscamps »Kara Tepe« stand, die Würde der ankommenden Menschen zu bewahren – ein Zeichen der Hoffnung in einem Europa, das eine zunehmend abwehrende Haltung gegenüber Geflüchteten zeigt.
2018
GEORGE SOROS
Der US-amerikanische Geschäftsmann wird in vielen osteuropäischen Ländern mit antisemitischen Hetzkampagnen angegriffen und gilt in seinem Geburtsland Ungarn mittlerweile als Staatsfeind Nummer eins. George Soros spendet mit seinen Open Society Foundations großzügig Milliardensummen, um die Menschenrechte zu schützen und demokratische Bewegungen zu fördern. Soros bedankte sich in einer Videobotschaft, vor Ort nahm für ihn stellvertretend der Dirigent Leon Botstein die Auszeichnung entgegen, ein langjähriges Mitglied des Stiftungsrats.
2019
PRAXIS OHNE GRENZEN
Eine Anlaufstelle, in der mittellose, nicht krankenversicherte Patientinnen und Patienten kostenlos behandelt werden, gleich welcher Nationalität oder Religion, frei von jeglicher Diskriminierung: Die erste »Praxis ohne Grenzen«, die der Arzt Dr. Uwe Denker 2009 in Bad Segeberg gründete, wurde Vorbild für vergleichbare Ambulanzen im ganzen Bundesgebiet.
2020
MIMIKAMA
Der in Wien ansässige Verein engagiert sich gegen jegliche Form von Internetmissbrauch und kämpft gegen Fake News. Mittels verschiedener Social-Media-Kanäle und einer Website macht Mimikama rassistisch motivierte Inhalte und Falschmeldungen transparent und hilft Nutzerinnen und Nutzern dabei, Falsches von Fakten zu unterscheiden. Aufgrund der Coronapandemie konnte 2020 kein Menschenrechtskonzert in der Tonhalle stattfinden, dafür wurden im Folgejahr gleich zwei Menschenrechtspreise vergeben.

2021
FRIDAYS FOR FUTURE DEUTSCHLAND
Corona hatte die Welt immer noch fest im Griff – das Menschenrechtskonzert 2021 musste ohne Publikum im Saal stattfinden und wurde per Livestream übertragen. Die Auszeichnung ging an die jungen Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten von Fridays for Future Deutschland, die zu Tausenden Greta Thunbergs Beispiel folgten und für die Einhaltung der im Pariser Abkommen beschlossenen Klimaziele demonstrierten. Die Studentin Pauline Brünger und die Schülerin Christina Schliesky, Sprecherinnen von Fridays for Future Deutschland, nahmen den Preis in der Tonhalle entgegen.
2022
OSMAN KAVALA
Der türkische Kulturförderer und Menschenrechtsaktivist ist u. a. Gründer der Organisation »Anadolu Kültür«, die lokale türkische Kulturinitiativen durch die Stärkung von nationalen und internationalen Kooperationen unterstützt. 2017 wurde Osman Kavala unter dem Vorwurf verhaftet, die landesweiten Gezi-Proteste organisiert und finanziert zu haben. Seitdem sitzt er in einem türkischen Gefängnis, ohne dass er in einem der gegen ihn erhobenen Anklagepunkte für schuldig befunden wurde. Stellvertretend für ihn nahm der Bundestagsabgeordnete und Bundesminister Cem Özdemir, der seit Jahren verschiedene Initiativen zur Freilassung Kavalas unterstützt, die Auszeichnung entgegen.
2023
SANAZ AZIMIPOUR
Nach dem gewaltsamen Tod von Jina Mahsa Amini, der eine beispiellose Protestbewegung im Iran auslöste, gründete die in Teheran geborene Autorin Sanaz Azimipour gemeinsam mit weiteren Aktivistinnen und Aktivisten das Woman*Life Freedom Kollektiv Berlin. Die ausschließlich aus Ehrenamtlichen bestehende Gruppe organisiert Demonstrationen, unterstützt auf vielfältige Weise den Widerstand im Iran und kämpft insbesondere dafür, der Unterdrückung von Frauen im Iran ein Ende zu bereiten.

2024
SERGEJ LUKASCHEWSKI
Der russische Dissident, der nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine nach Deutschland emigrierte, leitete 15 Jahre lang das renommierte Sacharow-Zentrum in Moskau, bevor dieses wie unzählige andere Menschenrechtsorganisationen in Russland von den Behörden aufgelöst wurde. In Berlin gründete Sergej Lukaschewski gemeinsam mit dem Recherchezentrum CORRECTIV das Exilmedium »Radio Sacharow«, ein unabhängiges, russischsprachiges Internetradio, das Raum bietet für intellektuelle Freiheit und Perspektiven für ein neues, demokratisches, offenes und freies Russland entwickelt.
2025
JOUANNA HASSOUN UND SHAI HOFFMANN
Der 10. Menschenrechtspreis der Tonhalle Düsseldorf ging nach Berlin: Adam Fischer verlieh ihn an zwei Menschen, die sich für die Verständigung in Nahost engagieren. Die gebürtige Palästinenserin Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann, deutscher Jude mit israelischen Wurzeln, gehen seit dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 mit ihrem Projekt »Trialog« an Schulen in ganz Deutschland, um mit jungen Menschen über den Nahostkonflikt, Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus zu sprechen. Sie möchten palästinensisches und jüdisches Leben und Leid sichtbar machen und zeigen, dass beides gleichzeitig anerkannt werden kann. Sie bringen unterschiedliche Perspektiven zusammen und fördern Verständnis und Dialog, um ihre Botschaft von Menschlichkeit und eines friedlichen Miteinanders zu vermitteln.