Die Hardangervidda: ein karges Hochplateau im südlichen Teil Norwegens. Geprägt von sanft ansteigenden Gipfeln, flachen Gletscherseen, sprudelnden Bächen und Felsen, über die sich silbergrüne Flechten spannen. Je nach Jahreszeit laden Nebelschwaden die Landschaft geheimnisvoll auf, während Rentiere, Polarfüchse oder Schnee-Eulen nach Nahrung suchen. Am Himmel ziehen Adler ihre Kreise und spähen nach den Berglemmingen, die sich aus den Gängen ihrer Erd-Labyrinthe ans Tageslicht wagen. Der Wind streift mal zärtlich, mal heftig durch das Hochplateau – immer aber so, als wolle er die Landschaft zum Klingen bringen.
Die Welt der Hardangervidda ist eine raue, einsame Welt – doch wandert man von den Bergen hinunter ans Wasser, hinunter zum Hardanger-Fjord, kann man geradezu mediterrane Momente erleben: Im Spätsommer hängen die Bäume voll duftender rotbackiger Äpfel, aus denen ein köstlicher regionaler Cider gebraut wird. Ab und an gleitet ein Kreuzfahrtschiff durch den Fjord und versucht, sich mit der Majestät der Berge zu messen. Im kleinen Ort Utne, direkt am Wasser gelegen, empfängt Norwegens ältestes denkmalgeschütztes Hotel. Es ist seit 300 Jahren in einem pittoresken weißen Holzhaus in Betrieb. Und nicht weit davon entfernt kann man ein ganz besonderes Museum besuchen: das Hardanger Folkemuseum. Prächtige Trachten lassen sich dort besichtigen, kunstvolle Leinen-Stickereien, wuchtige Holzmöbel in originalen Bauernhütten, vor allem aber: wunderschöne alte Geigen, die sogenannten Hardangerfiedeln.
Arne Fykse ist der Hüter über diese jahrhundertealten Instrumente, deren Griffbretter liebevoll mit Perlmutt-Intarsien geschmückt und deren Holz-Korpi mit filigranen Ornamenten bemalt sind. In unserem Facetime-Interview geht Fykse an den Vitrinen der Ausstellungsräume entlang und fängt mit der Kamera einzelne Geigen ein: »Im Unterschied zur klassischen Violine hat die Hardangerfiedel zusätzlich zu den Spielsaiten noch 4-5 Resonanzsaiten«, erklärt Fykse. »Sehen Sie?« Fykse führt die Kamera nah an die Instrumente heran, zeigt die Resonanz-Saiten und erklärt weiter: »Schon seit dem Mittelalter gab es in Norwegen verschiedene Geigen-Arten – die Wikinger sind als Seefahrervolk ja weit herumgekommen und haben viele Impulse aus der ganzen Welt mitgebracht. Diese früheren Geigen sahen aber anders aus, man nannte sie 'Farmer fiddles', weil sie vor allem bei der Landbevölkerung beliebt waren.« Mit diesen Bauernfiedeln spielte man bei Festen zum Tanz auf oder erhielt sich an langen, kalten Winterabenden die Hoffnung auf den Frühling. »1651 baute dann ein Mann namens Ole Jonsen Jaastad eine Geige, die anders war«, berichtet Fykse. »Für uns heute die erste Hardangerfiedel, die wir kennen. Und kurze Zeit später legten Isak Nielsen Skaar und sein Sohn so richtig los: Skaar feilte an der Konstruktion, hat die Resonanzsaiten eingeführt und in seinem Heimatort Botnen begonnen, Fiedeln in größeren Mengen zu produzieren.« Botnen ist ein kleines Dorf in Fyksesund, einem schmalen Seitenarm des Hardangerfjords – und deshalb, so Fykse, »wurde Skaars Geigentyp schließlich nach der Region benannt: 'Hardangerfiedel', auf norwegisch 'Hardingfele'.« Rund 1500 Instrumente sind über die Jahre hinweg in Skaars Familienbetrieb entstanden – doch die Entwicklung war damit nicht beendet: Um 1860 machten die Brüder Erik Johnsen Helland und Ellef Johnsen Steinkjønndalen die Hardangerfiedel zu dem Instrument, das es bis heute ist: Sie näherten die Form noch stärker der Violine an und etablierten 4-5 Resonanzsaiten als Standard.
In den Vitrinen des Folkemuseums gibt es nicht nur alte Instrumente, sondern auch ein paar modernere, denn, so Arne Fykse: »Die Tradition lebt. Man kann das Spiel auf der Hardangerfiedel in vielen norwegischen Musikschulen lernen, auch hier im Museum bieten wir manchmal Workshops an. Das Interesse ist groß, gerade erlebt die Fiedel einen regelrechten Boost. Manche wollen eher das traditionelle Spiel lernen, andere gehen etwas experimenteller mit dem Instrument um.« Tatsächlich lässt sich auf der Fiedel gut experimentieren: Da der Steg flacher ist als bei einer klassischen Violine, ist es einfacher, Intervalle oder Akkorde zu spielen und so neue Klangkombinationen zu entdecken. Alles in allem hat sich die Fiedel in Norwegen zu einer Art Nationalsymbol entwickelt, das große Beachtung erfährt: Gemeinsam mit der Universität Bergen und dem Norwegischen Zentrum für traditionelle Musik und Tanz beteiligt sich das Hardanger Folkemuseum an einem großen Forschungsprojekt, dem 'Hardanger fiddle project', in dem Geigen dokumentiert und datiert werden. Auch beim alljährlichen Hardanger-Musikfestival nimmt die Fiedel jedes Mal eine prominente Rolle ein.
Authentisch und seelenreich
Durch die Resonanzsaiten der Fiedel kann sich ein vielschichtiger, facettenreicher Klang entfalten – ein Klang, dessen Magie auch die norwegische Geigerin Ragnhild Hemsing begeistert: »Ich liebe dieses Instrument, weil es ein zentraler Teil meiner musikalischen Identität ist. Im Alter von fünf Jahren habe ich mit dem Geigenspiel angefangen – und von Anfang an habe ich sowohl klassische Violine als auch Hardangerfiedel gelernt. Die Fiedel ist untrennbar mit meiner künstlerischen Entwicklung verknüpft, ich fühle mich sofort zu Hause, wenn ich ihren Klang höre.« Dabei, so betont Hemsing, sei der Lernprozess bei der Fiedel ein ganz anderer als der auf der klassischen Violine: »Bei der Fiedel lernt man, nach Gehör zu spielen, es werden keine Noten verwendet. Man lauscht einer Melodie und versucht, sie nachzuspielen. Und es geht dabei nicht nur um's Geigespielen, sondern man lernt auch die Tänze, die zur traditionellen Musik getanzt werden. Das gehört einfach zusammen.«
Über Norwegen hinaus agiert Ragnhild Hemsing als Botschafterin der Hardangerfiedel: »Es ist toll, dass man die Fiedel auf so viele verschiedene Weisen stimmen kann«, schwärmt sie. »Für die Fiedel ist aber tatsächlich eine ganz andere Spieltechnik erforderlich als für die klassische Geige. Trotzdem switche ich oft innerhalb ein und desselben Konzerts, das ist inzwischen ganz normal für mich.« Auf ihren Künstlerfotos zeigt Hemsing sich grundsätzlich mit beiden Instrumenten, der Hardangerfiedel und der klassischen Violine. Ein besonderes Glück für sie: Dass sie als Dauer-Leihgabe die Fiedel von Ole Bull spielen darf, dem berühmten norwegischen Geigenvirtuosen, der im 19. Jahrhundert als »Paganini des Nordens« Konzerthallen auf der ganzen Welt füllte. »Jordalsfela« heißt sein Instrument, es stammt aus der Produktion von Erik Johnsen Helland. Ole Bull ist bis heute eine zentrale Figur in Norwegen, da er sich ganz entscheidend für eine eigene norwegische Identität und die künstlerische Aufwertung der norwegischen Volksmusik engagiert hat: Er sammelte Lieder und Volkstänze wie Springar, Gangar oder Throndjemmer, ließ sich von ihnen für seine eigenen Kompositionen inspirieren. Außerdem lud er traditionelle Fiedel-Spieler in die Konzertsäle von Bergen und Oslo ein und brachte auf diese Weise dem städtischen Bürgertum die norwegische Volksmusik nahe.
Auf die Frage, wer sein Lehrer im Geigenspiel gewesen sei, soll Ole Bull einmal geantwortet haben: »Die norwegischen Berge.« Und so sind wir zurück in der Hardangervidda – übrigens die größte Hochebene Europas, heute geschützt durch einen Nationalpark. Wer aus der Stadt mit ihren grellen Farbkontrasten kommt, mag die Natur der Hardangervidda vielleicht erst einmal als monochrom empfinden, nur ein ereignisloses Braun-Grün in ihr sehen. Doch je mehr man sich der Landschaft öffnet, desto mehr Nuancen entdeckt man: Das Licht, das hineinfällt, zaubert innerhalb der vermeintlich eintönigen Farbigkeit immer wieder neue Nuancen und Schattierungen – eine regelrechte Wahrnehmungsschule für die Augen und den Geist. Man mag sich an die Feinheit erinnert fühlen, mit der die Resonanzsaiten der Hardangerfiedel den gespielten Tönen zusätzliche Schattierungen und Facetten beimischen.
Doch so poetisch die Landschaft sich dem heutigen Wanderer präsentiert, so hart war das Hardanger-Leben in vergangenen Zeiten. »Der Begriff 'hard' hat im Norwegischen die selbe Bedeutung wie im Englischen«, erklärt Arne Fykse, »er bedeutet 'hart'. Das kommt daher, dass es hart war, sein Leben in diesem Landstrich zu führen.« Vielleicht hat man deshalb in der Hardanger-Region um so überbordender gefeiert. Das beweist nicht nur die Fiedel, mit der man bei Festen zum wilden Tanz aufspielte – das zeigen auch die beeindruckend prachtvollen Trachten der Hardanger-Region. Sie sind ebenfalls im Folkemuseum ausgestellt, wobei ein besonderer Fokus auf die Stickerei gelegt wird, die sogenannte 'Hardangersøm'. An Blusen oder Schürzen lässt sich diese kunstvolle Loch-Technik finden. Ursprünglich im Orient entstanden, kam sie von dort nach Italien und landete durch den regen Handelsaustausch zwischen Venedig und Bergen schließlich auch in Norwegen.
Die Region, die sich an die Stadt Bergen anschließt, ist die Hardanger-Region. Landfrauen nahmen die geometrischen Muster der Stickerei auf und entwickelten sie weiter. Einzelne Familie begannen, ihre eigenen Muster zu entwerfen, und so entstanden aus handgewebtem Leinen aufwändig bestickte Kleidungsstücke für die Festtagstracht, Bunad genannt. Bis heute gibt es Familien, die noch immer eine komplette Brautausstattung samt dieser bemerkenswerten Durchbruchstickerei besitzen.
Ähnlich wie bei den Stickmustern, lassen sich auch in der Volksmusik spezielle regionale Ausprägungen entdecken: »Innerhalb der unterschiedlichen Gebiete des Hardanger gibt es verschiedene Melodien«, weiß Arne Fykse zu erzählen. »Es ist ein wenig so, als würde man verschiedene Dialekte sprechen.« In der Vergangenheit wurden die Melodien ausschließlich mündlich weitergegeben, so Fykse, wurden ohne Noten vom Lehrer an den Schüler tradiert. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden dann erste Aufnahmen, die ebenfalls im Folkemuseum gesammelt werden – in den Ausstellungsräumen gibt es eigene Hörstationen, an denen man den historischen Mitschnitten lauschen kann.
Inspirierend und überzeitlich
Natürlich sind in Norwegen zahlreiche Regionen von Fjorden und Bergen geprägt – dennoch findet Arne Fykse, dass die Hardanger-Region eine Ausnahmestellung einnimmt: »Hardanger hat einfach einen besonderen Klang in der norwegischen Seele, vor allem seit der Epoche der Nationalromantik Ende des 19. Jahrhunderts. Die Fjorde, die Berge, die Bauern, die Kleidung, die Geige, die Volksmusik – es gibt hier so viele Dinge, die der norwegischen Seele eingeschrieben sind.« Nicht umsonst hat auch der norwegische Nationalkomponist schlechthin, Edvard Grieg, sich gerne in der Hardanger-Gegend aufgehalten: In Lofthus am Sorfjord, einem Ausläufer des Hardangerfjords, besaß er eine eigene Komponier-Hütte. In dieser Hütte, die man heute neben einem Hotel im Hardanger-Ort Ullensvang besichtigen kann, sind zahlreiche seiner Kompositionen entstanden – unter anderem auch seine wohl berühmteste, die Schauspielmusik zu »Peer Gynt«.
Mit der Geschichte von »Peer Gynt« wächst jedes norwegische Kind auf, auch Ragnhild Hemsing hat das Drama von klein auf kennen gelernt. »Mich beeindruckt, dass es überhaupt keine Rolle spielt, wann dieses Stück geschrieben wurde – denn es ist immer noch aktuell. Die Fragen, die Peer Gynt an das Leben hat, die inneren Kämpfe, die er ausficht, die Art und Weise, wie er seinen Weg in der Welt sucht – all das ist bis heute relevant.« Als Geigerin und als Interpretin eines Ole-Bull-Instruments ist für sie aber noch ein anderer Aspekt interessant: »Viele Leute sagen, dass die Peer-Gynt-Figur inspiriert ist von Ole Bull, von seinem Charisma und seinem Charakter.« Tatsächlich kannten sich Ibsen und Bull. Als Bull in der Handelsstadt Bergen das erste norwegische Nationaltheater eröffnete, holte er den damals noch unbekannten Ibsen als Dramatiker ans Haus. Bull war aber auch befreundet mit der Familie von Edvard Grieg, entdeckte dessen Talent schon im Jugendalter und empfahl ihn zum Studium ans Leipziger Konservatorium. Ragnhild Hemsing kennt Griegs Musik gut und hat sie vielfach gespielt. Im vergangenen Jahr agierte sie als Geigen-Solistin zwischen den Schauspielern einer »Peer-Gynt«-Inszenierung am Osloer Nationaltheater, sie hat Griegs Peer-Gynt-Suiten aber auch häufig in einem besonderen Arrangement an Konzerthäusern aufgeführt: »Griegs Peer-Gynt-Musik ist inspiriert von Volksmusik, also auch von der Hardangerfiedel. Deshalb war es mir wichtig, mich intensiver mit dem Material zu beschäftigen und das Stück schließlich für Hardangerfiedel und Orchester arrangieren zu lassen. Ich glaube, dass die Leute die Musik dadurch anders hören.«
Hemsing hat die wenigen historischen Solo-Konzerte, die es für Hardangerfiedel und Orchester gibt, bereits auf CD eingespielt – etwa die des norwegischen Komponisten Geirr Tveitt aus den 1960er Jahren. Ein großes Anliegen ist es ihr aber auch, zu neuen Kompositionen für dieses Instrument anzuregen: »Ich habe festgestellt, dass die Hardangerfiedel faszinierend ist für Komponisten. Sie lassen sich inspirieren von schönen Verzierungen, von ungewöhnlichen Harmonien, von authentischen Melodien. Damit der Stil und der Klang der Fiedel lebendig bleibt, braucht es zeitgenössische Stücke. Deshalb habe ich vier Komponisten gebeten, neue Werke zu schreiben – Gordon Hamilton ist einer davon. Hamilton schreibt tolle Musik, wir haben uns vor Kompositionsbeginn getroffen, ich habe ihm die Fiedel gezeigt, er ist begeistert von dem Instrument.« Und schließlich fügt Hemsing noch hinzu: »Es ist mir einfach wichtig, die Fiedel in die klassische Musikszene zu bringen und dieses norwegische Kulturerbe weltweit vorzustellen. Das ist eins meiner wesentlichen Ziele als Künstlerin.« Während die Hardangerfiedel sich auf diese Weise in der Welt verbreitet und ihr Klang lebendig bleibt, zieht der Wind weiter durch die Hardangervidda – immer darum bemüht, dieser traumhaft schönen Landschaft Musik zu entlocken. Unwillkürlich mag man an die Widmung denken, die Henrik Ibsen dem jungen Komponisten Edvard Grieg einst ins Stammbuch geschrieben hat: »Geist im Tier und Brand im Steine / weckte Orpheus' Spiel, das reine. / Steine gibt's hier allerorten, / Auch von Tieren manche Sorten. / Spiel', daß Glut aus Steinen dringt / Und das Tierfell rasselnd springt!«
Weitere Informationen unter:
www.hardangerfolkemuseum.no
www.ragnhildhemsing.com