Wassermusik

Vom Meer ließen sich Komponisten schon immer gern inspirieren. Ein kleiner Törn quer durch die Musikgeschichte. Von Clemens Matuschek

Das Meer. Unendliche Weiten. Bei Flaute eine quecksilbrige Oberfläche, die das Sonnenlicht glitzernd reflektiert, bei starkem Wind eine tosende graugrüne Masse, aufgepeitscht zu haushohen, gischtsprühenden Brechern. Das Meer kann eine idyllische Bademöglichkeit sein, der Weg zu neuen, unbekannten Ufern oder eine menschenfeindliche, lebensbedrohende Urgewalt. Es ist kein Wunder, dass Malerinnen und Maler quer durch alle Epochen immer wieder versuchten, die vielgestaltigen Zustände und Lichtstimmungen des Meeres auf der Leinwand festzuhalten, vom niederländischen Schiffstableau bis zum impressionistischen Sonnenuntergang. 

Auch für Komponistinnen und Komponisten stellte das Meer eine nie versiegende Quelle der Inspiration dar. In gewisser Weise sind sie gegenüber der Malerei sogar im Vorteil, denn der Reiz des Meeres liegt ja gerade nicht in der Momentaufnahme, sondern in der stetigen Veränderung: dem Kräuseln der Oberfläche, dem Kommen und Gehen der Wellen, dem Sich-Zusammenbrauen und Losbrechen eines Sturmes. Hier kann die Musik wirklich mit Klängen malen und das akustische Äquivalent einer Seefahrt in den Konzertsaal holen. Sogar das Vokabular ist dasselbe: Schallwellen breiten sich aus und fluten den Raum, der Hörer taucht ein ins Meer der Töne.

Der größte Meereskomponist war zweifellos Claude Debussy. Wie ein roter – oder besser: blauer – Faden zieht sich die Liebe zum Wasser durch sein Schaffen: »En bateau« (aus der Petite suite), »Le jet d’eau“« (Cinq poèmes de Baudelaire), »Sirènes« (Nocturnes), »Reflets dans l’eau« (Images) und natürlich »La mer« sind nur einige Beispiele dafür. Einem Freund gegenüber behauptete er sogar einmal, dass er eigentlich zur See fahren wollte und nur durch einen dummen Zufall Komponist geworden sei – wobei es sich hierbei um Seemannsgarn handeln dürfte. Um ihm sein Faible für das Meer begreiflich zu machen, hätte er ihm auch erzählen können, wie er 1889 mit einigen Freunden eine Bootstour entlang der bretonischen Küste unternahm. Der Fischerkahn kam beim aufziehenden Unwetter so ins Schaukeln, dass alle seekrank wurden – außer Debussy, der ernsthaft erklärte: »Solch ein leidenschaftliches Gefühl habe ich noch nie erlebt. Man lebt!«

Auch sein Freund und Kollege Maurice Ravel ließ sich gern und oft vom Meer inspirieren, zu dem er – geboren in einem Fischerdorf im äußersten Südwesten Frankreichs am Golf von Biskaya – eine sogar noch engere biografische Beziehung hatte als der gebürtige Pariser Debussy. Die schillernde Musik der beiden, die als Pendant zur impressionistischen Malerei von Monet, Manet und Renoir gilt, ist jedenfalls besonders gut geeignet, die fluide Qualität des Wassers darzustellen.

Mit ihren Wasser-Musiken reihten sich Ravel und Debussy in eine lange Tradition ein. Schon in der Musik der Barockzeit war das Motiv des Sturms weit verbreitet. Dutzende von Opern beginnen damit, dass der Held vom Wind des Schicksals an die Gestade einer einsamen Insel gespült wird, wo ihn eine Zauberin/Geliebte/Bestie erwartet, manchmal sogar in ein und derselben Person. Vivaldi, ein Meister der Naturschilderung, schrieb zudem gleich mehrere Solokonzerte für Flöte oder Geige mit dem Beinamen »La tempesta di mare« (Der Sturm des Meeres). Als Venezianer dürfte er zwar mehr mit der Gondel als mit Segelschiffen unterwegs gewesen sein; immerhin aber hatte er vom Fenster des Waisenhauses, bei dem er als Geigenlehrer angestellt war, einen guten Blick auf die Lagune. 

Nicht inhaltlich, sondern durch den äußeren Anlass der Uraufführung motiviert ist dagegen die »Wassermusik« von Georg Friedrich Händel. 1717 unternahm der frisch inthronisierte englischen König Georg I. eine Vergnügungsfahrt auf der Themse. Der royalen Barke folgte ein Kahn mit sage und schreibe 50 Musikern, die für die passende Unterhaltungsmusik sorgten, von Händel eigens für diesen Anlass geschrieben. Wie die Besetzung mit überproportional vielen Trompeten und Hörnern zeigt, ging es dabei aber nicht um die elegante musikalische Darstellung des Flusses, sondern schlicht um die nötigen Lautstärke im plätschernden Open-Air-Setting.

Eine Besonderheit ist Georg Philipp Telemanns Suite »Hamburger Ebb’ und Fluth«. 46 Jahre lang wirkte er als Hamburger Musikdirektor. Zu seinen Aufgaben gehörten auch Festmusiken wie die zum hundertjährigen Jubiläum der Hamburger Admiralität im Jahr 1723. Einst gegründet, um Handelsschiffe vor Piratenüberfällen zu schützen, übernahm diese Institution – ein Vorläufer der heutigen Handelskammer – bald auch die Organisation des Hafens. Entsprechend maritim fiel Telemanns Musik aus. Der erste Satz beschreibt die friedliche See, der letzte den Gesang der »lustigen Bootsleute«, die offenbar schon einen Grog zu viel intus haben.

Fünf Minuten totale Flaute – das muss man auch erstmal komponieren. Ludwig van Beethoven schaffte es in seiner Kantate »Meeresstille und glückliche Fahrt« auf Basis zweier Goethe-Gedichte. Doch just wenn sich die Augenlider des Hörers der allgemeinen Trägheit ergeben, kommt Wind auf. Die Bewegung klingt allerdings weniger nach Segelboot als vielmehr wie eine berittene Jagdgesellschaft mit Hornsignalen. Kein Wunder: Beethoven war nur ein einziges Mal am Meer, während eines Holland-Ausflugs von Bonn aus, im zarten Alter von zwölf Jahren.

Dieselben Gedichte vertonte auch Felix Mendelssohn Bartholdy, allerdings rein instrumental. Ähnlich wie Debussy erlebte er während eines Urlaubs seinen Schlüsselmoment in Bezug auf das Meer: Wie es sich für einen ambitionierten jungen Mann aus gutem Hause gehörte, brach er im Sommer 1829 zur Bildungsreise Richtung Großbritannien auf. Seine erklärte Absicht war, ein »schottisches Stück zu schreiben, weil ich das Meer sehr liebe und es sogar zu einer Symphonie mit Dudelsack gebrauchen will«. Diesen Vorsatz setzte er – leider? glücklicherweise? – nicht in die Tat um. Dafür aber entstand eine Konzertouvertüre »Die Hebriden« als klingender Reisebericht seiner stürmischen Überfahrt zur gleichnamigen Inselgruppe, die er auch in einem Brief schilderte: »Die schottischen Highlands und das Meer brauen miteinander nichts als Whisky, Nebel und schlechtes Wetter. Die Fahrt mit unserem Dampfschiff war alles andere als erfreulich. Je tiefer das Barometer fiel, desto höher stieg die See. Die Ladies fielen um wie die Fliegen, und der ein oder andere Gentleman tat es ihnen gleich.«

Ein Geisterschiff spielt die Hauptrolle in Richard Wagners früher Oper »Der fliegende Holländer«. Verflucht, für alle Zeiten über die Weltmeere zu segeln, erscheint es Seeleuten, wenn Gefahr droht. Nur die aufrichtige Liebe einer Frau kann den untoten Kapitän und seine Mannschaft erlösen. Für diese gruselige Crew schrieb Wagner 1841 eine sturmgepeitschte Musik, die man problemlos als Soundtrack für »Fluch der Karibik« nutzen könnte. Der Komponist war kurz zuvor selbst über die Meere geirrt: Hoffnungslos verschuldet, floh er vor seinen Gläubigern von Riga aus mit Frau und Hund Hals über Kopf über die See. Vier Wochen zickzackte das kleine Segelschiff, das ihn heimlich an Bord genommen hatte, über die Ost- und Nordsee, deutsche Häfen meidend, überstand etliche Stürme und brachte Wagner schließlich nach London. Wie sich das Heulen des Windes in der Takelage anhört, musste ihm anschließend niemand mehr erklären – und noch heute hört man es gleich in den ersten Takten der »Holländer«-Ouvertüre.

Apropos Großbritannien: Die Komponisten der großen Nordsee-Insel pflegten natürlich ebenfalls eine besondere Beziehung zum Meer und reflektierten sie in zahlreichen Werken. Das Paradebeispiel ist Benjamin Britten, der die englische Musik des 20. Jahrhunderts prägte wie niemand sonst. Geboren wurde er in Suffolk, dem östlichsten Zipfel des Landes, der den Stürmen der Nordsee besonders stark ausgesetzt ist. Später erinnerte er sich: »Die meiste Zeit meines Lebens verbrachte ich in engem Kontakt mit dem Meer. Das Haus meiner Eltern blickte direkt auf die See, und zu den Erlebnissen meiner Kindheit gehörten die wilden Stürme, die oftmals Schiffe an unsere Küste warfen und ganze Strecken der benachbarten Klippen wegrissen. Als ich meine Oper ›Peter Grimes‹ schrieb, ging es mir darum, meinem Wissen um den ewigen Kampf der Männer und Frauen, die ihr Leben und ihren Lebensunterhalt dem Meer abtrotzten, Ausdruck zu verleihen.« Besonders eindrücklich gelang ihm dies in den instrumentalen Zwischenspielen der Oper um den namensgebenden einzelgängerischen Fischer, die er anschließend noch einmal unter dem Titel »Four Sea Interludes« herausbrachte.

Ein wichtiger Vorreiter für Britten war Ralph Vaughan Williams, der einen eigenständigen Tonfall in der bis dahin kontinentaleuropäisch geprägten Musik Großbritanniens etablierte. Kein Zufall, dass auch sein Hauptwerk um das Meer kreist: seine gewaltige, über eine Stunde dauernde »Sea Symphony«. Die Musik speist sich aus mehreren Quellen: dem spätromantisch-schwelgerischen Tonfall von Edward Elgar mit einem Hauch von »Rule Britannia«, den exotischen Harmonien von Vaughan Willams’ Lehrer Maurice Ravel und der Gigantomanie von Gustav Mahler – wie dessen zeitgleich entstandene »Symphonie der Tausend« verwendet die »Sea Symphony« einen Chor und mehrere Solisten. Zudem beruht sie auf sozialkritischen Texten von Walt Whitman und deutet das Meer auf diese Weise als große Metapher für das Leben – mit allen seinen Sonnenseiten und Stürmen.